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Vierter Band
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Jean Racine und die Tragödie.

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der Liebesleidcnschast, die Kämpfe und Schmerzen frevelhaftenund unerwiderten Sehnens und Verlangens mit tiefer psycholo-gischer Wahrheit und fortreißender Gewalt des Ausdrucks dar-stellte. Die rein rhetorischen Elemente, an denen es auch in der„Phädra" nicht fehlt, machen sich doch mehr in den Episoden,als in jenen Hauptszenen geltend, in denen die wilde, so schuld-bewußte als schuldvolle Liebe der Phädra ihren Stiefsohn Hip-polyt und sich selbst dem Untergang entgegentreibt. In der Ge-stalt der Phädra konzentriert sich beinahe die ganze Charakteri-stik dieser Tragödie, aber die Gestalt selbst ist eine mächtige,typisch und individuell zugleich, so daß auch außerhalb Frank-reichs „Phädra" jederzeit gewaltige Wirkung hervorgerufen hat,wo sich eine den Forderungen dieser Aufgabe gewachsene Dar-stellerin fand.

Zwischen „Phädra" und den beiden letzten, wie berichtet, fürdie Schülerinnen von St. Cyr geschriebenen Dramen Racineslag ein volles Jahrzehnt. Als der Dichter zur verlassenen dra-matischen Dichtung zurückkehrte, bestrebte er sich, die Wirkungender tragischen Größe und Würde mit der Weihe religiöser Ge-sinnung und Erhebung zu verbinden. Die erste Dichtung dieserArt, „Esther"' (ersterDruck, Paris 1689), näherte sich mit ihrenChören dem antiken Drama, wie es Racine verstand, und in be-zug auf schlichte Wärme und Innigkeit des Ausdrucks vielleichtdie reizendste Dichtung Racines, jedenfalls diejenige, in welcherdas edle Gleichmaß und die lyrische Fülle seiner Natur am ge-winnendsten erscheinen. Der Eindruck ist demgemäß vor allemein feierlicher und gleicht mehr dem eines Oratoriums als demeines bewegten, in Situationen und Empfindungen rasch wech-selnden Schauspiels. Auch hier ergriff Racine nur den Schlußdes biblischen Romans, dem er seinen Stoff entnahm. Die Bitteder Esther für ihr bedrohtes Volk und das Unterliegen Hamausbilden den Kern der vorgeführten Handlung.

Auch die letzte dramatische Dichtung Racines, „Athalia" ''(„LulmtW"; erster Druck, Paris 1691), entnimmt ihren Stoff ausder Heiligen Schrift und zwar dem zweiten Buch der Könige,dessen elftes Kapitel die blutige Usurpation der Königin Athalia,

* Deutsch von K. M, Kneifet (Mainz 1820).

° Deutsche Übertragungen: „Athalia", Trauerspiel mit Chören vonFranz von Mallst (Karlsruhe 1817); von Karl Dielst (Berlin 1819).