158
HmidcrtundsiebmteS Kapitel.
oder Kritikern fehlen sollte; aus diesem Grund predigt undschreibt man." In sechzehn Kapiteln: „Von Geisteswerken",„Vom persönlichen Verdienst", „Bon den Frauen" (Kap.3 und 4), „Von der Gesellschaft und der Unterhaltung", „Vonden Glücksgütern", „Bon Paris", „Vom Hof", „Von denGroßen", „Vom Staatsoberhaupt und dem Staat", „VomMenschen", „Vom Urteil", „Von der Mode", „Von einzelnenGebräuchen", „Von der Kanzel", „Von den Starkgeistern", ent-faltet er eine Fülle von scharfen Beobachtungen und geistreichenBemerkungen. Gleichwohl erhebt sich seine Grundanschauungnie über diejenige eines Hofmanns, der allenfalls gewillt ist, inder Zurückgezogenheit eines Landguts eine vorübergehende Un-gnade zu ertragen. La Bruyeres „Charaktere" sind nicht über-all so direkte Porträte, wie die in späterer Zeit erschienenen„Schlüssel" zu dem denkwürdigen Buche glauben machen wollten;aber die besondere Kunst des Verfassers, allgemeine Bemerkungenzu individualisieren, steigert sich jederzeit, wo seine Porträteeine feine Schmeichelei, Komplimente für diejenigen Großeneinschließen, deren Wesen ihm sympathisch war. Die berühm-ten Schlußsätze im zehnten Kapitel der „Charaktere", eine derstärksten Huldigungen, welche Ludwig XIV. jemals zu teil ge-worden, hat man vielfach so gedeutet, daß sie die Kühnheitenund sarkastischen Bemerkungen, welche sich La Bruyere in denvorausgehenden Kapiteln erlaubt, gewissermaßen ebenso recht-fertigen und decken sollen wie die Schlußwendung des Mo-liereschen „Tartüff" mit der direkten königlichen Interventiondie vorangegangene Handlung. In beiden Fällen reden ebendie Autoren die Sprache ihrer Tage und ihrer eignen Über-zeugung. Auch La Bruyere mit all seinem Freimut legt Zeug-nis dafür ab, wie tief sich die Erscheinung Ludwigs XIV. in alleSeelen und Geister geprägt hatte. Und wenn anderseits beialler Schärfe des Urteils, bei allem Edelsinn seiner Empfindungder Autor doch nur ein Vertreter des boo ssns bleibt und der Über-zeugung lebt, daß mit seiner Art der Philosophie, seiner maß-vollen Einsicht in das Wesen der Dinge sich auch ein Glück imSinn des Tags erreichen und ertragen lasse, so beweist dies, wiemächtig die allherrschende Stimmung war. Allerdings scheint LaBruyere sich zu Zeiten auf den höchsten Standpunkt aller Lebens-betrachtung zu erheben und spricht selbst aus: „Es gibt für denMenschen nur ein wahres Unglück: das ist, sich schuldig zu finden