Tie Hässlichen Prosaisten.
189
und sich etwas vorzuwerfen zu haben". Aber dies ist vorüber-gehend, und der Mann, welcher die verständige Mitte hält unddie Welt nimmt, wie sie ist, der Schüler des Montaigne hier unddes Deseartes dort kommt immer wieder zur Erscheinung. VieleGemeinplätze stehen dicht neben den feinsten Bemerkungen, undnicht alle dürfen darauf zurückgeführt werden, daß vortreffliche Ge-danken vom Los aller Wahrheiten betroffen worden sind, welcheleichte und schnelle Anwendung gestatten. Der Stil der „Charak-tere" des La Bruyere ist mit Recht als eine der Meister- undMusterleistungen des 17. Jahrhunderts gepriesen worden. Erist von seltener Mannigfaltigkeit und eigentümlicher Geschmei-digkeit und verdiente voll das Lob, welches ihm Voltaire(„8idols äs iMuis XIV", Kap. 37) erteilt: „Man kann unter dieSchriften, welche einzig in ihrer Art sind, La Bruyeres ..Charak-tere' rechnen. Ein strenger, bündiger, nerviger Stil, malerischeAusdrucksweise, ein vollkommen neuer Sprachgebrauch, deraber nie die grammatischen Regeln verletzt, setzen den Leserin Staunen."
In die Gruppe der Schriftsteller, deren litterarische Bedeu-tung in letzter Instanz darauf beruht, daß sie vollendete Welt-leute und Weltkenner gewesen sind, gehört auch einhochgepriesenesweibliches Talent, die klassische Briefstellerin der Epoche unddes Hoss Ludwigs XIV., Marie Rabutin-Chantal, Mar-quise de Sevigne. Die berühmte Schriftstellerin, die nurweltliche Stellung und Geltung, nicht litterarischen Ruhm ge-sucht hatte, wurde am 5. Februar 1627 zu Paris geboren, er-hielt eine vorzügliche Erziehung und vermählte sich frühzeitigmit dem Marquis Henri de Sevigne, mit dem sie einen Sohnund eine Tochter hatte. Ihr Gemahl starb schon 1651, spätereBewerbungen hochgestellter Männer schlug die interessante jungeWitwe aus, lebte der Erziehung ihrer Kinder mitten im Trei-ben des glänzenden Hoss, dem sie angehörte, und dessen eigent-liche Herrlichkeit vom Regierungsantritt des jungen Königs bisbeinahe zum Frieden von Ryswhk sie mit erlebte, da sie am18. April 1696 auf dem Schloß Grignan in der Provencestarb. Sie nahm lebendigen Anteil an den Begebenheiten der„Welt" und berichtete seit 1671, wo ihre Tochter FrancoiseMarguerite den Grafen von Grignan geheiratet hatte, an dieseüber die Ereignisse von Hof und Stadt. Da Frau von Sevignefortdauernd im lebendigsten Verkehr mit den hervorragendsten