Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

Huiideetanbelftes Kapitel.

Die französische Schule in der deutschen Dichtung.

1) Die Dichter des Übergangs.

Bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts hineinwirkten in Deutschland die Geschmacksrichtung und die litterari-schen Grundsätze der zweiten schlesischen Schule fort. Die all-gemeinen Kulturzustände, unter denen die Besonderheit der bar-barisch-schwülstigen und elegant-rohen Poesie gediehen war,änderten sich so allmählich, lange Jahre hindurch schier un-merklich zum Bessern, daß von ihrer Einwirkung aus ein geisti-ger Umschwung am wenigsten zu erwarten war. In der Thaterfolgte der Widerstand gegen die Lohenstein-Hoffmannswal-dausche Manier teils vom Boden einer gewissen phantasielosenund nüchternen Betrachtnng alles Lebensund aller Dinge über-haupt, teils von den ersten Herüberwirkungen der französischenLitteratur aus. Die Klarheit und scharfe Bestimmtheit desfranzösischen Klassizismus, die Vom Ausgaug des 17. Jahr-hunderts wenigstens in einzelnen Kreisen in Deutschland erkanntund bewundert wurden, standen freilich im schärfsten Gegensatzzu dem überhitzten und überschwenglichen Bilderprunk undGleichnisbombast, der in Deutschland sür Poesie galt, und jedeNachahmung der Franzosen mochte hier als ein Fortschritt er-scheinen. Und doch bleibt es gewiß, daß einzelne vielverspre-chende Leistungen der Übergangszeit in viel engerm Anschluß andie Grundstimmung und den Stil der Echtester entstanden als inNachahmung der gepriesenen französischen Dichter. Die Dich-tungen Chr. Günthers, Halters, I. G. Schnabels machen unsklar, daß beim Beginn des 18. Jahrhunderts und bis zummomentanen Sieg der Gottschedscheu französischen Schule imengern Sinn der Versuch, welcher in England mißglückte,