Band 
Vierter Band
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HundertundclfteS Kapitel.

„Einleitung zu Hallers Gedichten".) Freilich schied auch Haltersbewegte Innerlichkeit die unmittelbare Empfindung und Stim-mung und die angelesene Stimmung nicht streng, freilich konnteer, der selbst meinte, „ein Dichter muß Bilder, lebhafte Figuren,kurze Sprüche, starke Züge und unerwartete Anmerkungen aus-einander Hänsen oder gewärtig sein, daß man ihn weglegt", nichtgänzlich jeden Rückfall in Lohensteinschen Schwulst und in diePrunkconcetti der italienischen Marinisten vermeiden; dennochbetrat Haller den Pfad zu echter Poesie und echter poetischerWirkung. Sein berühmtes Gedicht „Die Alpen" war trotzseiner deskriptiven Breiten das erste größere Gedicht, durch dasbei aller Mannigfaltigkeit der Bilder eine Grundstimmunghindurchklang; sein Gedicht „Doris", welches jahrzehntelanggesungen wurde, gab der Liebeslyrik den freien Fluß und denmusikalischen Wohllaut als unerläßliche Momente wieder; seine„Trauerode beim Absterben seiner geliebten Marianne" brachteeinem in harter Nüchternheit des Lebens roh und sühllos ge-wordenen Geschlecht zum Bewußtsein, daß in die alltäglichenVerhältnisse hinein leidenschaftliche Wärme und Zartheit desGefühls fortleben und fortwirken können. Die philosophischenGedichte: „Über den Ursprung des Übels" und „Über die Ewig-keit" waren ein ungeheurer Fortschritt über die trockne Re-flexionsreimerei hinaus: die Leidenschaftlichkeit und deutlicheSinnlichkeit wie die schlagende Kürze des Ausdrucks, die Wie-dergabe lebendiger Stimmungen wirkten fortreißend, eine Ah-nung Von der persönlichen Beschaffenheit des wahren Dichterserfaßte bei Hallers Gedichten die damalige deutsche Welt.

Weit hinter dem großen poetischen Gelehrten blieb seinZeitgenosse, der Hamburger Ratsherr Barthold HeinrichBrockes, zurück. Brockes war zu Hamburg am 22. Septem-ber 1680 geboren, studierte die Rechte zu Halle und Leiden,trat 1720 in den Senat, wurde Amtmann zu Ritzebüttel undspäter Protoscholarch der freien Reichsstadt und starb in dersel-ben am 16. Januar 1747. Seine poetische Laufbahn hatteBrockes mit einem Pafsionsoratorium: „Der für die Sündender Welt gemarterte sterbende Jesus" (Hamburg 17l2),und einer deutschen Übertragung von Martins „Bethlehemiti-schem Kindermord" begonnen. Sein Hauptwerk waren die unterdem Titel: „Irdisch es Vergnügen in Gott" (Hamburg 1721bis 1748) veröffentlichten Dichtungen, in denen er von dem