Die französische Schule in der deutschen Dichtung.
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daß die deutsche „Dichtkunst" sich nur zur getreuen Nachbildungder französischen Muster verstehen dürfe, um ähnliche Resultatehervorzubringen. Gottsched gab zuzeiten vor, die Engländerneben die Franzosen zu stellen, meinte jedoch dann stets nur jeneGruppe englischer Schriftsteller, welche sich eng an die Fran-zosen angeschlossen hatten und nicht immer glückliche Nach-stammler des französischen Klassizismus waren. In Zeitschriften,Lehrbüchern, Sammlungen, Übersetzungen, Bearbeitungen undOriginaldichtungen suchte er unablässig in vorbildlichem undanregendem Sinn zu wirken, bis in die Mitte seines Lebenshinein bewahrte er ein ehrliches, freilich nach seinen Einsichteneng beschränktes sachliches Interesse, welches erst nach und nacherlosch in der verzweifelten Selbstverteidigung, zu der er sichgenötigt glaubte oder in der That genötigt wurde.
Seine eignen Dichtungen sind durchaus rhetorische Exerzitien.Seine „Gedichte" (Leipzig 1736) und „Neuesten Gedichte"(Königsberg 1750) enthalten nicht eine Berszeile, in der sicheine tiefere oder überhaupt nur eine unmittelbare Empfindunggeltend machte; es sind konventionelle Anreden, Zusprachen undhöfische Gelegenheitsgedichte, in denen allen er sich — und dasscheint er sich zum höchsten Verdienst angerechnet zu haben —von dem Bilderschwulst der Schlefier, von den gelegentlichenAusschreitungen Günthers und Halters frei hielt. Auf logischeFolge seiner Vorstellungen und Reinheit der Verse legt er Ge-wicht, alles andre dünkt ihm nebensächlich. Die innere Leere,die schleppende Langeweile dieser parademäßig aufziehendenVerse ist unerträglich. Als Dramatiker trat er zuerst mit demTrauerspiel „Der sterbende Cato" (Leipzig 1732) hervor.Das Bedürfnis der Neuberschen Gesellschaft, die er unter seineProtektion genommen und in die ausschließliche Darstellungregelmäßiger Stücke hineingenötigt hatte, gewann ihm den„Cato" ebensosehr ab als sein eigner Ehrgeiz und der Wunsch,auf dem ersten Felde der Poesie zu glänzen. Gottscheds Über-tragung der Racineschen „Jphigenie" erwies, daß er zwar derfranzösischen Sprache mächtig sei, aber vom ethisch geselligenHintergrund der französischen „v-aALäm" keine Ahnung habe.Bei der Originaldichtung benutzte er die Trauerspiele des Addisonund Deschamps so unverhohlen und so stark, daß die Schweizerin ihren Streitschriften behaupten konnten, Gottscheds „Cato" seiüberhaupt nur mit Kleister und Schere gearbeitet worden. Die
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