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Vierter Band
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Hundertmidzwölftes Kapitel.

Litteratur, welche nach wenigen Jahrzehnten bereits eine kräf-tige Gegenwirkung gegen die ausschließliche Herrschaft derfranzösischen Kunst und der mit dieser verbundenen Lebens-anschaunng zu üben und demnächst sogar für Frankreich selbsteine hohe Bedeutung zu gewinnen begann. Die oppositio-nelle Stimmung, die in dem letzten Regierungsjahrzehnt Lud-wigs XIV. die französische Gesellschaft ergriffen und sich ingewissen Werken der französischen Litteratur manifestiert hatte,die in den Jahren der Regentschaft des Herzogs von Orleansbedeutend gewachsen war, begegnete vom zweiten Jahrzehnt des18. Jahrhunderts an jenen Anschauungen, welche seit 1688 inEngland zur Herrschaft gelangt waren. Aus der Verschmel-zung und Verbindung beider erwuchs jene eigenartige geistigeStrömung, die als Aufklärung ein paar Menschenalter hindurchdas Staats- und Gesellschaftsleben des gesamten Europa inentscheidender Weise beeinflußte, durchdrang, umwandelte und,wo sie zur Umgestaltung zu ohnmächtig war oder falsch geleitetwurde, wenigstens das Bestehende zersetzte und zerbröckelte. Derfranzösischen Litteratur fiel in der Gesamtentwickelung der Auf-klärung die eigentümliche Rolle zu, den Dolmetsch der Ideenenglischer Politiker, Philosophen und Moralisten, englischerSatiriker und Poeten abzugeben. Denn bei der geringen Ver-breitung der englischen Sprache aus dem Kontinent war wenig-stens bis gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts die Vermitte-lung der französischen Litteratur für die Verbreitung der engli-schen Anschauungen unvermeidlich notwendig, sie ward in derThat nach Macaulays glücklichem Ausdruck das, was nach alt-testamentarischer Überlieferung Aaron für Moses gewesen war.Auch blieb es natürlich nicht aus, daß die vermittelnde Littera-tur die besondern Gedankenreihen, die ihr von England ausüberliefert wurden, ihrerseits selbständig weiterbildete und ebensoerhob und vertiefte, wie sie dieselben gelegentlich entstellte undins Platte zog. Ja, sie durste sich mit Recht darauf berufen,daß die ersten Ansänge des englischen Freidenkens mit jenerhugenottischen Flüchtlingslitteratur verknüpft seien, die wirfrüher geschildert haben. Gleichwohl und trotz dieser Thatsachevon beständiger Wechselwirkung der geistigen Bestrebungen imneuern Europa erscheint jener Teil der englischen Litteratur imEingang des 18. Jahrhunderts, der in engerm Zusammenhangmit den großen politischen und sozialen Wandlungen des Insel-