Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

336

Hundertundsiebzehntis Kapitel.

Gemahlin zu erheben. Der häßliche Zug von Berechnung, welcherin der ganzen Fabel lag, ward natürlich von Richardson und seinenenthusiastischen Lesern in keiner Weise empfunden. Sie sahennur den Triumph einer festen Tugend, eines unerschütterlichenMoralprinzips, und daß dies Moralprinzip in die gemeine Lebens-klugheit hinüberschillerte, war in ihren Augen lediglich eine Em-pfehlung mehr. Denn nicht die Schönheit und Reinheit der Seele,sondern die Platte Unterordnung unter das bürgerliche Sitten-gesetz war die Grundforderung der Richardfonschen Anschauung.Behält man freilich im Auge, in welchem Verteidigungszustand,wie bedrängt und vielangefochten durch Willkür und Sitten-losigkeit die mittlern Schichten in jener Zeit noch waren, so ver-steht man das Anklammern an den bürgerlichen Pflicht- undAnstandsbegriff und die Verquickung desselben mit dem höhernSittengesetz, wie es in Richardsons Romanen zur Erscheinungkommt, entschieden besser. Die Sentimentalität, welche Richard-son daneben entfaltete, gewann ihm Tausende von Herzen, unddie Fiktion, nach welcher es zwischen dem einen lebendigen, abersittlich reinen Gefühl und der Ordnung der bürgerlichen Weltkeinen unlöslichen Konflikt geben könne, wurde von ihm kräftigund tendenziös ausgebeutet. — Sein Hauptwerk: „ClarissaHarlowe"^ („Olnrtssn Lnrlorvs, or tbs bistor^ ok8. 1n<l^:

oomprsbenckinA tbs most importnnt eonesrns ol privg.ts lits nnckpnrtioulur^ sbsrvinA tbs ckistrssnes Ibnt ras.^ attsnck tbs nrls-eonilnel botb ol pnrsnts anck slülckrsn in rslniion to rnarrinAs",London 1748; neueste Ausgabe 1868), sollte, wie der langatmigeTitel erweist, die Mißstände enthüllen, welche erwachsen, wennEltern und Kinder nicht vorsichtig in Heiratsangelegenheitensind. Clarissa Harlowe, ein schönes, liebenswürdiges Mädchen,wächst in einer Familie auf, in der sie nur als ein Werkzeug ange-sehen wird, Wohlstand und äußere Ehre des Hauses zu mehren,und von der sie darum einem widerwärtigen, ihr verhaßten Be-werber aufgeopfert werden soll. Verhängnisvollerweise hatClarissa einen begünstigten Anbeter, Lovelace, welcher ihr Herzund ihre Phantasie mit seiner glänzenden, ritterlichen Erschei-nung gewonnen hat. Sie läßt sich, von ihrer Familie aufsäußerste getrieben, dazu verleiten, ihr Geschick dem Schutz dieses

' Älteste deutsche Übertragung „Geschichte der Clarissa" (Göttingen1749); Übertragung von Bode (Leipzig 1790—93).