Der englische Familien - und Sittenroman.
337
Liebhabers zu vertrauen. Lovelace, ein echter Gentleman mit denfeinen Manieren und der ganzen Ruchlosigkeit der Libertinsdes 18. Jahrhunderts, sieht Clarissa in seine Gewalt gegebenund rastet nicht eher, als bis er, da die gewöhnlichen Künste derBethörung alle scheitern, durch die infamsten Mittel über desMädchens Tugend gesiegt hat. Dies bringt ihr wie ihm denUntergang; Clarissa verzehrt sich in Gram und edler Entrüstungüber die ihr angethane Schmach; Lovelace aber wird von einemder Oheime Clarissas, der nie die Härte der Familie gegen dasunglückliche Mädchen geteilt hat, im Duell getötet. Diese Er-findung ist mit einer Breite und Ausführlichkeit gestaltet, welchein der Romanlitteratur kaum ihresgleichen hat. Wenige Charak-tere, wenige bedeutendere Vorgänge, aber die einen mit einerpsychologischen Detaillierung, mit einer Vorführung aller ein-zelnen Seelenregungen, die andern mit der minutiösesten Klein-und Feinmalerei dargestellt, die zugleich reizvoll und ermüdendwirken! Reizvoll, insofern die Breite ein Gefühl des Wirklichenhervorruft und mit Hunderten von guten Beobachtungen fesselt,ermüdend, weil endlose Wiederholungen und die Aufbauschungvon nichtigen, keines Worts werten Dingen zu langen lehrhaf-ten Abhandlungen den ganzen Roman durchsetzen. Bei alledemwar die Art Richardsons, den alltäglichsten Vorgängen ein poeti-sches Moment abzulauschen und die Verknüpfung der großemMomente im Menschenleben mit den gewöhnlichsten Dingen dar-zustellen, so neu, daß sie schon darum eines Eindrucks nicht ver-fehlte. Unzweifelhaft lebte in Richardson ein wirklich poetischesTalent, eine Fähigkeit, seine Erfahrungen und Beobachtungen zukonzentrieren und seine Wünsche und Vorstellungen mit wirklichAngeschautem unlöslich zu verbinden. Jeder hohem Idealitätfremd, war Richardson stärkster Idealist, wo es sich um die Dar-stellung flecken- und fehlerloser Tugendspiegel handelt. Mit bei-nahe gewaltsamem Entschluß ließ er den Boden der Natur hintersich, sobald er die energische Einprägung gewisser Lieblingsvor-stellungen beabsichtigt. In „Clarissa" hatte er mit echt poetischemSinn in der Gestalt des Lovelace glänzende Naturgaben und see-lische Verderbtheit, persönlich liebenswürdige Züge mit innererGrundsatzlosigkeit gepaart. Er erschrak über die Wirkung seinereignen Gestalt, gegen die er nur Abscheu hatte erwecken wollen,und suchte dies in seinem nächsten Roman gutzumachen und denLovelace durch einen ebenso stattlichen, aber durchaus moralischen
Stern, Geschichte der neuern Litteratur- IV. 22