408
HundertzweiunpzwanzigsteS Kapitel.
2. Kap.) gedrungen gefühlt: „Die Geschichte ist so genauaus den Erfahrungen jener Zeit und dem, was alle Tage ingewissen Familien vorging, entlehnt, daß man wirkliche Denk-würdigkeiten zu lesen glaubt. Jede fühlende Seele schaudert,wird innig ergriffen und von Rührüng durchdrungen; sie mußeinen Zustand des Staats und der Kirche verabscheuen, derDinge wie die hier erzählten möglich machte. Diderot hat miteiner bewunderungswürdigen Kunst die Erzählung von Anfangbis zum Ende so durchgeführt, daß er nie aus dem Ton ge-fallen ist. Das Klosterleben und das Klosterwesen der Zeit kurzvor der Revolution sind in keinem Buch mit mehr Wahrheit undLebendigkeit geschildert als in diesem Roman." Der gerechte,strenge Tadel, den der Historiker bezüglich der üppigen Szenenim zweiten Teil der „Nonne" hinzufügt, wird von jedem ernstenLeser geteilt werden; es ist nicht poetische, sondern brutale, reiz-lose Sinnlichkeit, die hier breit in den Vordergrund tritt.
Eine weitere bedeutende Produktion Diderots war der sei-ner spätern Lebenszeit ungehörige Roman „Jakob der Fata-list"* („ckaoguss Is Lt-Oisie"; erster Druck, Paris 1796). In-dem in diesem Novellenroman der Diener dem Herrn und derHerr dem Diener seine Liebesabenteuer erzählt, entsteht „einDoppelbild der Gesellschaft; die Liebschaften des Dieners be-wegen sich in den untern, die des Herrn in den obern Schichtender Gesellschaft. Dort sehen wir Bauernmädchen, Bauernfrauen,Kammermädchen, Gastwirtinnen, hier vornehme Damen, luxu-riöse Kurtisanen, Ritter und Edelleute auftreten. So verschie-den beide Gruppen an sich sind, so sehen wir doch, daß das We-sen der Liebe in der einen wie in der andern dasselbe ist. Ausdiesem einen und selben Wesen entspringen jedoch zahllose Mo-difikationen. Von der noch halb unschuldigen Sinnlichkeit undihren komischen Verlegenheiten und Verwickelungen werden wirbis zu verbrecherischen Leidenschaften und künstlichen In trugenmit tragischem Ausgang fortgeführt. Ein andrer Gegensatz, derdurch das Ganze hingreift, ist der des Glaubens des Dieners andie göttliche Prädestination und des Unglaubens des Herrndaran. Herr und Diener widersprechen aber jeden Augenblick
' Die erste deutsche Übersetzung: „Jakob und sein Herr" von Mylius(Berlin 1792), erschien vor dem französischen Original.