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6 (1880) Aus einer kleinen Stadt / von Gustav Freytag
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in seiner alten Kalesche oder in dem unförmlichen Holz-wagen der Post nach der Hauptstadt der Provinz fuhr,so fand er dort Alles in größerem Maßstab und reich-licher als daheim, doch im Grunde war es nur einUnterschied in der Größe; er besuchte ebenfalls als Haupt-vergnügen den Kaffeegarten, welcher am Abend durchviele bunte Lampen illuminirt wurde, er saß in dem ge-wölbten Rathskeller und stand im Parterre des Theaters,und erzählte nach überstandener Reise vergnügt, daß esin der großen Stadt immer etwas Neues gebe: eineMenagerie, einen Luftballon. Aber im Uebrigen lebtedie Hauptstadt fast ebenso still dahin, wie das ganzeLand, höchstens daß die Schneidergesellen einmal Revoltemachten, weil die hohe Obrigkeit sich gar zu einfältiggegen sie benahm.

Heut war Sonntag. Die Sonne schien vom wol-kenlosen Himmel warm in die reingefegten Gassen undvon beiden Piarrthürmen läuteten die Glocken. DieStadt aber befand sich in einem Zustande stiller Aufmerk-samkeit und Beobachtung. Denn der neue Arzt war an-gekommen.Ein junger angenehmer Mann," sagte dieGastwirthin zu ihrer Nachbarin, der Bäckersfrau,langvon Gestalt und von ernsthaftem Wesen, sein Namesteht im Fremdenbuch als Doktor Ernst König. Er hatschöne Wäsche, so stickt hier Niemand die Hemden."Die Bäckerin deutete dasselbe ihren Kunden an, und dieMilchfrau trug es weiter; bis endlich der Friseur denFremden beobachtete und die Neuigkeit zu allgemeinerKenntniß brachte. Ja, es war nicht zu leugnen, der