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noch an den Schilden ihres Stammbaumes hing, schwanddahin in der Elternfreude über das Glück des geliebtenKindes.
Als der Doktor an einem hellen Sommertage indie Stube seiner Frau kam, fand er diese in Betrach-tung der Bilder au der Stubenwand; es waren dieErinnerungen an Luther, welche einst in der Arbeitsstubedes Seniors gehangen hatten, darunter auf dem Ehren-plätze das erste Geschenk des Doktors. „Die Farbensind verblichen," sagte Henriette, „aber so oft ich dasBild ansehe, fühle ich die frohe Erwartung, in der ichdamals auspackte."
„Für uns beide ist die Zeit gekommen," sagte derGatte, „wo die Gedanken oft die Vergangenheit suchen.Um die liebe Hausfrau ist es einsam geworden. Ichhabe zuweilen daran gedacht, daß wir uns noch einmalin die Welt hinauswagen sollten. Ist dir's recht, sobesuchen wir die Kinder." Und als Henriette erfreutzustimmte, fuhr er fort: „Wir haben auch eine äußereVeranlassung erhalten; eine Verwandte meines Namens,die ich gar nicht persönlich gekannt habe, ist unverhei-ratet und hochbejahrt im Fränkischen gestorben und hatmir ein Legat hinterlassen. Sie hat zuletzt in einerkleinen Stadt bei Koburg gelebt. Wir machen mit denKindern einen Ausflug nach Thüringen, Richard kannals Jurist an Ort und Stelle zusehen, ob wir dieSumme annehmen dürfen, ohne andere Verwandte, dievielleicht bedürftig sind, zu beeinträchtigen."