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9-10 (1828) Briefe, das Studium der Theologie betreffend / J. G. v. Herder
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438
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§38

Briefe,

von seinen Bekannten, in seinem StandeSchüler wählte; einzelne erwachsene Schüler, wiesie damals jeder Rabbi, jeder Lehrer hatte. Siebegleiteten ihn, wie es bei den jüdischen LehrernGewohnheit war; er trug ihnen sein Wort vor,wie mehrere ihr Wort vortrugen, in Parabeln undSprüchen, noch mehr in seiner ganzen Lebens-weise und Ordnung. Wer diese Schüler mitden unsern vergliche, gienge völlig aus jener Zeitheraus, in der man weder unsere Lehrmethode,noch die Polizei unserer Staaten suchen muß. Imjüdischen Lande, sehen wir, waren diese erwachse-nen Schüler nicht auffallend; der wahren Weisheitsind sie auch in andern Landern nie auffallend ge-wesen: denn will diese nicht Männer? lehret siesich nicht einzig in Thaten und in der ganzen Le-bensweise? Wie wurde Socrates, wie wurden inRom die Redner und Führer des Staats von er-wachsenen Lehrlingen, die sich nach ihnen bildenwollten, täglich besucht und begleitet?

Und was sprach er nun zu diesen Jünglingenund Männern? worauf bereitete er sie? zu sitzenauf zwölf Stühlen? oder zu leiden, zu dul-den, sich selbst und alles verläugnen zulernen,nach Ruhm vor Gott, nach seiner Gerechtigkeit,Liebe und Lohn zu trachten und alles dagegen zuverachten? Die Reden Jesu, die wir haben,sind alle moralischer, und von der höchsten morali-schen Natur; insonderheit jst's die sogenannte Berg-predigt, die doch eigentlich als eine Einleitungseiner Jünger in ihre neue Schüler-pflicht und also auch in den ganzen Lebens-zweck ihres Lehrers und ihrer selbst da-