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9-10 (1828) Briefe, das Studium der Theologie betreffend / J. G. v. Herder
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an Theophron.

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- Uebngcns lags weder in GokteS Zweck,

noch in Christi Beruf hier auf Erden, die Herme,nevlik und Doqmatik der Juden gelehrt zu verbes-sern. Die Apostel cikiren nach der Weise, wie da-mals alles cttirte. Plötzlich änderte Gott den Laufder Dinge und des menschlichen Geistes nicht. Aufspitzfündige feine Gelehrsamkeit konnte und sollte dieReligion Jesu nicht gebauet werden; ihre beste Wir-kung entstand eben daher, daß sie sich von solcherentfernte. Ihr Wesen war That, anschaubace,simple, unwiderstehliche Wahrheit.

Wundern Sie sich also auch nicht, daß Gottden Lauf der Dinge so fortgehen ließ, und der ge-lehrten AuSlegung der Schrift, der künstlichenSchuldegmatik durch Wunder nicht zu Hülse kom-men mochte. Keine Gabe des Geistes bestand inder ersten Kirche darin, daß ein Kirchenvater, derkein Ebraisch wußte, es auf einmal verstand, undjetzt allwissend gleichsam, manche Theile der Bibelplötzlich anders ansah. Ocigenes, Chrysosto-mus, HicronymuS, Theodoret legen besseraus als andre, weil sie besser auszulegen gelernthatten; keine Wundergabe hinderte den h. Cle-mens, daß er nicht, nach der gewöhnlichen Artseiner Zeit, allegorisirte und die Geschichte des Vo-gel Phönix erzählte. Um Gottes willen aber, dieswar auch der Z w e ck des Christenthums nicht.Lesen Sie einmal die simpeln, ächten Stücke derersten Kirche; an Gelehrsamkeit werden Sie dabeinicht denken; der Geist der Einfalt, Mäßig-keit, des herzlichbrüderlichcn Zutrauens, derGottes- und Christusliebe wird Sie crgrei-