222 I. Unternehmungen d. vergang. Jahrhunderts
Auch die alte Regel ist nicht zu verwerfen,daß man die Natur wie ein krummes Stäbchen,das man gerade haben will, auf die entgegengesetzteSeile stark überbiege; doch merke man sich dabei,daß diese entgegengesetzte Seite kein Fehler seynmuß.
Auch darauf habe man Acht, daß man die Fer-tigkeit, die man sich aneignen will, nicht durch einei m m e r h i n f o c t gese tz t e, sondern durchunterbrochne Bemühungen erstrebe: denndies Unterbrechen erneut und verstärkt das Bestre-ben. Ein Lehrling, der sich mit fortgesetzter An-strengung übt, kann sich mit der Fertigkeit zugleichFeh ler aneignen ; dem weicht man aus, wennman zur Zeit die Arbeit niederlegt und nachher mitneuen Kräften frisch daran geht.
Uebcigens triumphire man nicht zu sehr, daßman seine Natur bezwungen habe: sie schläft oftlange, wie begraben, und wacht bei Gelegenheitdoch wieder auf. Wie jenes Mädchen beym Aesop,die vorher Katze gewesen und in eine Weibspersonverwandelt war; sie saß ganz artig am Tisch, bisihr — ein Mäuschen zu Gesicht kam. DergleichenGelegenheiten muß man entweder ganz vermeiden,oder sich, damit sie unkrästiger werden, an sie ge-wöhnen.
Die natürliche Art eines Menschen ent-deckt man am besten im vertrauten Umgänge:denn in ihm findet keine Affectation statt; in Ge-müthsbewegungen: denn in ihnen vergißt manVorschrift und Regel; sodann bei einem neuen,