182 Einleitung.
sich eigenmächtig zu reformieren. Die Augustiner zuARrtemberg schaftcn aus sich selbst verschiedene Mistebrauche ab. Viele traten aus dem Orden in die Welt,und Barrholomaus Bernhards, ein Priester zu Rem-berF, nahm sich sogar ein Weib. Ein so reihendesBeyspiel blieb um so weniger ohne Nachahmung, dader Cölibat bey weitem dem größten Haufen der Kle-riker ein unerträgliches Joch schien.
Alle Revoluzionen vornamlich jene, welche sich inMeynungen ereignen, arten in Fanatismus aus. Mankann, ohne von der menschlichen Natur Unmöglichkei-ten ;u fodec», nicht erwarten, daß Eraugnisse, welcheaus einer Umwälzung bisheriger Begriffe erfolgen, aufeinen gewissen Ruhepunkt sich einschränken sollen. Stetsmacht man es Lothen zum Vorwürfe, die Sache vielweiter, als es eigentlich Bedürfniß war, getrieben zuhaben. Aber man scheint nicht zu bedenken, daß er vondem Augenblick an , als er einmal gewisse Begriffegleichsam zerstreut und ohne Ordnung unter das grosseVolk geworfen hatte, nicht mehr Meister war, denGrad des Wachsthums, den jene ausgestreut-n Keimeerhallen so.neu, willkürlich zu bestimmen Ausserdemwar selbst die ganze Rekormazion die einzige bisher er-lebte Nevvluzion, die in der Geschichte noch kein Bey-spiel ha..e; und man konnte aus Erfahrungen die Gren-zen noch nicht bestimmen, wie weit alles, Kraft undGegenkraft, wirken sollte, um in der Sache nicht zuviel und nicht zu wenig zu thun. Freylich erschrackendie Lcmhe, welche alles in einer ruhigen Mäßigkeit vol-lendet sehen wollten , bey jeder neuen Kühnheit derReformatoren ; aber bald überzeugte sie auch der Er-folg, daß eben diese Kühnheit gerade nöthig war, umeinen Schritt weiter zur Vollendung zu rücken. Zubehaupten, daß es in dem Plan der Tonangeber derReformazion war, mittels derselben einen politischenSchwindelgeist anzufachen, wäre eben so ungereimt.