drittes R a p i t e l. 6r
Krankheiten nicht bekannt ist, als ein Kind zu demBette des Kranken , unwissend, was geschehen kannund geschehen wird, irret er im Finstern, bis erLurch die Niederlage von taufenden begreift, wasein andrer in wenig Jahren durch fleißiges Lesen.Sydenham sah sich oft gezwungen, einige Krankesterben zu lassen, bis ihm die Natur ihrer Krankheitbekannt war, weil er nicht las; und wie weit istder Practicus unter einem Sydenham!
Wie mehr wir über jeden Fall Beobachtungen wis-sen, desto geschickter sehen wir in jedem Fall. EinArzt, der nicht liest, kann nur eine unendlich kleineAnzahl Krankheiten durch sich selbst kennen, weil eroft die gleichen Krankheiten, und viele sehr seltensieht; er kann darum den eigentlichen Werth der Um-stände nicht bestimmen ; er weiß nicht, was unschäd-lich und was gefährlich ist; er zittert bey der bestenHofnung, und fiudt den Kranken in den blassen Ar-men des Todes, wenn er glaubt, er sey geheilt.Wer nicht weiß, daß in einer Krankheit der gleicheUmstand nützlich und in einer andern gefährlich seyn .kann, steht dem nützlichen Umstand entgegen, undläßt dem gefährlichen seinen Lauf.
Die Krankheiten haben nur zu oft etwas so eigenes,daß ohne den Unterricht der Bücher uns nichts unter-richtet, als der Tod des Kranken. Man weiß, wieviel sich unsere Practici auf ihre Unthätigkeit beyWechselfiebern einbilden; indeß giebt es bey uns,wie in Deutschland, Wechselfieber, die in dem drit-ten oder vierten Anfall durch einen Schlagfluß tödt-lich werden; ein Arzt, dem die Zeichen dieser Fieberaus dem Torki und dem vortreflichen Werke des HerrnWerlbof bekannt sind, hemmr sie gleich anfangs underrettet den Kranken; ein Practicus, der nicht liest,gähnt gelassen bey jedem Anfall, und sieht erstaunt