Buch 
D. Joh. Georg Zimmermann, Königl. Großbrittannischer Leibmedicus in Hannover, von der Erfahrung in der Arzneykunst
Entstehung
Seite
89
JPEG-Download
 

erstes Bapttel. 89

haß er sie ganz begreift, und in einem Tage geschicktist, seinen eigenen vorher nur mittelmäßigen Abbil-dungen des ewigen Vaters, eben den Charakter derGrösse, Hoheit und Göttlichkeit zu geben.

Die gleichen Betrachtungen haben in Absicht aufdenBeobachtungsgeist in dem menschlichen Leben Platz.Ich bemerke oft, daß ein Mensch, der unfähig ist,ein moralisches Gemälde, eine Zeichnung von Ho-garth, in ihrem wahren Lichte zu sehen, auch un-fähig ist, einen Charackter oder eine Handlung indem menschlichen Leben in ihrem wahren Lichte zu sehen.In beyden Fällen mangelt ihm das Gefühl, welchesdie natürliche Tüchtigkeit zum Sehen ausmacht.

Ohne dieses Gefühl sieht man in keinem Menschennichts. Die Saamen der erhabensten Talente zeigensich schon in der Kindheit, sie steigen nach und nachin ihre volle Blüthe, und endlich wachsen sie in dieschönsten Früchte aus. Indeß giebt es Leute, dietäglich mit Leuten umgehen, von deren Talentensie nicht den geringsten Argwohn haben, weil mansie selbst haben muß, wenn man sie sehen soll.Bos sqgt, es sey eine Anzeige, daß junge Leute Ge-nie besitzen, wenn sie in den üblichen Geschäften derJünglingsjahre sehr zurückbleiben, da sie mit gros-sen Schritten in der Kunst forteilen, zu welcher siegeboren sind. Mancher schöne Geist wird darum vondummen Lehrern verabsäumt, weil sie die Wege sei-nes Geistes nicht kennen ; so mancher aufgeklärteKopf lebt im Staube, weil niemand begreift, daß ernicht gemacht ist im Staube zu leben. Ohne denBeobachtungsgeist und selbst ohne Genie kennt nie-mand die Merkmale des Genie. Ein Eugen ist anLudewigs Hofe ein verachteter Knabe; ein Kleinjoggziert unbemerkt die Menschheit, bis ihn ein Hirzelsieht, kennt und verewigt.