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D. Joh. Georg Zimmermann, Königl. Großbrittannischer Leibmedicus in Hannover, von der Erfahrung in der Arzneykunst
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90
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Drittes Buch,

Andere sehen alles falsch. Man nimmt oft in Kin-dern alle Brandmale der Dummheit für untrüglicheZeichen der künftigen Grösse ihres Geistes; oft dieFertigkeit im Verläumden für Genie, Gernwitzlingefür schöne Geister , Tartüffen für Muster der Gott-seligkeit, einen Rohrdommel für ein liebenswürdigesWeib. Aufgeklärte, aber kaltblütige und in einer Artvon Dienstbarkeit auferzogene Köpfe halten die Merk-male des feurigen Triebes zum Edeln, zum Schö-nen, zum Grossen und Wahren, und des mit die-sem Triebe verbundenen Geistes der Unabhängigkeit,und der Verachtung niederträchtiger Constderationen,für Merkmale der Unbesonnenheit; Dummköpfe neh-men sie für Beweise der Narrheit. Jeder urtheiltanders als der andre, weil jeder anders sieht alsder andre. Pythagoras, sagte ein alter Philosoph,siehet die Sonne mit andern Augen an als Anaxa-goras, jener als einen Gott, dieser als einen Stein.

Andere sehen alles halb. Sie bemerken etwas,und doch nicht genug, sie halten sich an einzele Thei-le und verfehlen das Ganze; oder sie sehen nur wasgerade in die Augen fallt, und verfehlen das, wastiefer liegt. Die Madonna des Raphael wäre fürsie ein unmuthiges Gesicht, Montesquieu ein witzi-ger Kopf, Haller ein geschickter Zergliederer und einsehr grosser Krauterkenner.

Der höchste Grad des Beobachtungsgeistes in mo-ralischen Dingen scheint eben so bewunderungswür-dig, als der höchste Grad des Beobachtungsgeistes inden Künsten. Die Fertigkeit in der Beobachtungder Menschen soll bey dem Socrates so erstaunendgroß gewesen seyn , daß sich auch bey den bedenk-lichsten Anlässen ingeheim eine geschwinde, richtige,und mit einer mehrentheils erfüllten Vorhersagungbegleitete Verbindung in seiner Seele machte. Er