Warelet.
solches nicht zu unserm gegenwärtigen Zwecke gehö-ren kann. Mittlerweile hatte Watelet theils zurErholung von so viel Arbeiten, theils mit dem aus-drücklichen Zwecke die Werke der Schule vonRubens und van Dyck zu studieren, eine Tournach Holland und den östreichischen Niederlanden,und bald hernach (1762.) in Gesellschaft seiner Freun-din und Schülerin Madame le Comte, Gattin einesGerichtsprokurators, und seines vormaligen Leh-rers des Abbe Copetke eine zweyte Reise nach Ita-lien gemacht, von welcher er abermals mit neuenKenntnissen bereichert nach Haus kam *). Seit1761- hatte er die Stelle Mirabeau's des Vatersin der französischen Akademie eingenommen. Alledie vorzüglichsten Mitglieder derselben waren seineFreunde; und seine literarischeLaufbahn war fried-lich bis an seinen Tod. Dagegen wurde seine Ruhegegen das End seiner Lage durch ein unvorge-sehenes Ereigniß unterbrochen, welches ihn einesgroßen Theils seiner Güter beraubte ^'); ein Ver-lust, der ihn hauptsächlich deswegen kränken durfte,weil er davon einen so guten Gebrauch gemachthatte. Von da an wiedmete er indessen seine Mußemehr als jemals den bildenden Künsten. Baldzeichnete er, bald etzte er in Rembrandts Manier,nicht selten mit Glücke. Bey allmäliger Abnahmeseiner körperlichen Kräfte vergnügte er sich noch imWachs zu modelliren, seine Portefeuilles zu durch-gehen, und sich mit jungen Künstlern lehrreich zuunterhalten. Dieses letztere Vergnügen genoß erbis auf den Augenblick, wo seine Sinne aufhörten,ihm zu Gebothe zu stehen. Er entschlummerte ohneSchmerz am 12. Jan. 1786. ***). Seine Mäßi-gung in allen Dingen, selbst im Vergnügen, daser liebte, war weniger ein Geschenk der Natur,welche ihm vielmehr eine feurige thätige Seelegab, als das Werk der ernsten Vernunft, welcheihn die Regungen seiner Hitze beherrschen lehrte-Er that auf jeden Plan des Glücks, der Ehr-sucht und des Ruhms Verzicht. Seine Selbst-liebe beleidigte die seiner Nebenmenschen nie, undnie störte er durch unfriedliche Gesinnungen denfreundschaftlichen Umgang. Man unterhielt sichgerne mit ihm, weil er nicht nur reden, sondernauch hören konnte. Seine Bemerkungen erregtenkein Mißfallen, denn er war nicht bloß gerecht,sondern auch nachgebend:
Ltre clisri vaut mieux qu'etrs vnote»
sagt er in seinem versuch über die Gäcren, undgab damit seinen Wahlspruch.
Watelet. 4097
»Will man" (sagt vicqe d'Azps in seinerLobrede auf ihn) »sich einen richtigen Begrif vonWarelet bilden, so stelle man sich einen Mann vor,der in allen Theilen der Wissenschaft und Litteratur,welche Beziehung auf die schönen Künste haben,gleich bewandert tvär^- mit gleichem Glücke dieFeder, den Grabstichel und den Pinsel führte, dieReichthümer der Dichter, der Philosophen und derArtisten in sich verband und gemeinnützig machte —oft zu Rathe gezogen ward, weil er mit einem durch-dringenden Verstand und dem geschmeidigsten Ge-fühl eine gefällige Freundlichkeit verband, aber nochöfterer selbst um Rath fragte, weil er nach Unter-richt und Aufklärung redlich strebte; einen Mann,welcher dem Talente mit Entzücken Beyfall zollte,und gesunkenen Muth wieder zu beleben wußte —junger Zöglinge sich annahm, besonders wenn siemehr seiner Hülfe als seiner Anweisung bedürftigwaren — der sie in sein Haus zog, und, weit ent-fernt die Rolle eines Beschützers zu spielen, sie alsVater und Freund behandelte — mit Einem Wort,einen Mann welcher die Künste ohne Prunk liebte,die Künstler ihrer selbst wegen achtete, und keineninnigern Wunsch kannte, als den für ihre Fort-schritte und ihren Ruhm. So erschien wateletvor den Augen seiner Zeitgenossen; und in die-sem Lichte muß ihn einst auch die Nachwelt sehnSein mit Levesque gemeinschaftlich gefertigtes:Oictionusirs cle Keaux-^rt8, das erst nach sei-nem Tode (V. I'om. gr. 8°. karis 1792.) erschien,ist immerhin das Beßte, was in Frankreich überKunst-Theorie sowohl als über Kunstgeschichte gerschrieben, und späterhin in einem ähnlichen Werkevon Millin, vielleicht wohl an Gelehrsamkeit istübertreffen, aber in Geschmacksurtheilen lange nichterreicht worden; und besonders preiswürdig ist dieUnbefangenheit, womit er Lob und Tadel den Kunst-schulen aller Nationen gleich unpartheyisch ausspenrbete, und den Gebrechen der Schule seiner Nationam allerwenigsten schonte^). Die beßteLiteraturvon wareler's Etzarbeiten findet sich bey RostVIII. 171 — 7v. Vörderst 27 seiner Bildnisse nachCochin, welche meist seine Freunde darstellen.Hier nennen wir nur: d'Alembert, Clairaut, Mar-guerithe le Comte (lVlsitrsgss llu lVlouliuP. F. Abbe Copette, P. Joliot de Crebillon, dieMaler I. B. M. Pierre und L. de Silvestre, A.B.I. Türgot, Poißon de Vnndieres, nachherigenMarquis de Marigny; endlich auch ihn (W.)selbst. — Dann 14 Blätter in Neinbrandts Ma-
») In Italien ward er überall mit Ehre» aufgenommen; so von dem Könige von Sardinien, von dem PabsteR-zzonico, von dem Kardinal Aller- Albani, von Joh. Winkelmann, u. s. f. Indessen hatte der Verfassergegenwärtiger Ausätze, welchem in Rom die Bekanntschaft dieses geschickten Mannes zu Theil ward, mehr alseinmal Gelegenheit an demselben sowohl, als hinwieder an seinem eigenen Freund und Lehrer, Winkelmann,die traurige Bemerkung zu machen, wie eine allzugroße Einseitigkeit des Geschmacks zwischen noch so verdienten,und in so manchen andern Dingen gleich Wahrheitsliebenden Männern eine unübersteigliche Scheidewand setzenkann. Auch sagt Winkelmann selber in einem Briese an Srrendis vom 15. Mai -764. sehr naiv:»Schwerlich wird ein Mensch eine so verschiedne von der alten Gestalt angenommen haben, als in mir,ohne Künstelei,, nach und nach, durch Umgang mit großen Leuten und vornehmen Personen geschehen ist,und der Ton, mit welchem ich rede, zeiget sich daher, wider meine» Willen, mit einiger Härte in meinenSchriften. Man muß es mir aber so genau nicht nehmen, da ich so viele Jahre von despotischen Länder»entfernt bin, und den französischen Hof-Stil nicht gelernet habe. Ich werde «her künftig aufmerksamer aufDeine behutsame Erinnerung seyn, und ich würde vieles gemindert haben , wenn ich hier einen Richter indeutscher Schreibart gefunden hätte. Ich würde dem watelet eine hofmäßigere Critik gemacht haben, wennich ihn vorher persönlich gekannt hätte, wie ich ihn itzo kenne; ich habe es aber suchen gut zu machen durchunendliche Höflichkeiten» welche ihm durch mich von meinem Herrn (Al. Albani) erwiesen sind.« winkeln»,u. s. Jahrh. S. -47—48. In Rom erschien damals ein kleines Werk, das sich aus diese Reise bezog:Voy-lge äe lVlr., l'achbe ek Null. /- Omle sä lrslie zo. k. 8°. darunter I-Bl. von Weirottcr
geetzt, nach den Zeichnungen von la Vallee-Poussm, und isCartouchen, als Einfassungen italienischer Sonetteu. s. f. nebst einem Französischen Tert an der Spitze.
««-) Dieses unvorgeseheue Ereigniß war kurz und gut eine Gewaltsakte des Abbe Terrai. Aber auch in dieser Sacheverließe» ihn die öffentliche Achtung und seine mächtigen Freunde nicht.
Basan (L-I.zec.) b. irrig -785-
-f) Großentheils andere Stellen dieser Lobrede finden sich in Meufel's Muf.vil.-g—35.
-ff) Nur muß man es freylich nicht aus der unter Heydenrcich» Namen gefertigten Uebersetzung kennen, dieauf allen Seiten von schädeltreffenden, und oft an wahren Unsinn grenzenden Fehlern wimmelt.