Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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lleignunü.

Der Morgen kam; es scheuchten seine TritteDen leisen Schlaf, der mich gelind umfing,

Daß ich, erwacht, aus meiner stillen HütteDen Berg hinauf mit frischer Seele ging;

Ich freute mich bei einem jeden SchritteDer neuen Blume, die voll Tropfen hing;

Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,

Und alles ward erquickt mich zu erquicken.

Und wie ich stieg zog von dem Fluß der WiesenEin Nebel sich in Streifen sacht hervor.

Er wich und wechselte mich zu umfließen,

Und wuchs geflügelt mir um's Haupt empor:

Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;

Bald sah ich mich von Wolken wie umgössen,

Und mit mir selbst in Dämmrnng eingeschlossen.

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,

Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn.

Hier sank er leise sich hinabzuschwingen;

Hier theilt' er schweigend sich um Wald und Höhn.Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!

Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.

Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,

Ein Glanz umgab mich und ich stand geblendet.

Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,

Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn,

Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,Denn alles schien zu brennen und zu glühn.

Da schwebte mit den Wolken hergetragenEin göttlich Weib vor meinen Augen hin,

Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben,

Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.Goethe, Werke. I.

Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:

Erkennst du mich, die ich in manche WundeDes Lebens dir den reinsten Balsam goß?

Du kennst mich wohl, an die, zu ew'gem BundeDein strebend Herz sich fest und fester schloß.

Sah ich dich nicht mit heißen HerzensthränenAls Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?

Ja! rief ich aus, indem ich selig niederZur Erde sank, lang' hab' ich dich gefühlt;

Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen GliederDie Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt;

Du hast mir wie mit himmlischem GefiederAm heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;

Du schenktest mir der Erde beste Gaben,

Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!

Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielenGar oft genannt, und jeder heißt dich sein,

Ein jedes Auge glaubt aus dich zu zielen,

Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.

Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,

Da ich dich kenne, bin ich fast allein;

Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,Dein holdes Licht verdecken und verschließen.

Sie lächelte, sie sprach: du siehst, wie klug,

Wie nöthig war's euch wenig zu enthüllen!

Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,

Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,

So glaubst du dich schon Uebermensch genug,Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!

Wie viel bist du von andern unterschieden?

Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!

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