Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zueignung.

Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;

Soll ich umsonst die Augen offen haben?

Ein froher Wille lebt in meinem Blut,

Ich kenne ganz den Werth von deinen Gaben!

Für andre wachst in mir das edle Gut,

Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,

Wenn ich ihn nicht den Brudern zeigen soll?

Und wie ich sprach sah mich das hohe WesenMit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;

Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,

Was ich verfehlt und was ich recht gethan.

Sie lächelte, da war ich schon genesen,

Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;

Ich konnte nun mit innigem VertrauenMich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.

Da reckte sie die Hand aus in die StreifenDer leichten Wolken und des Dufts umher,

Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,

Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.

Mein Auge konnt' im Thale wieder schweifen,

Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.

Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,

Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.

Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,

Ich weiß was Gutes in dir lebt und glimmt!

So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen,

Empfange hier, was ich dir lang bestimmt,

Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,

Der dieß Geschenk mit stiller Seele nimmt;

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,

Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

Und wenn es dir und deinen Freunden schwüleAm Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!

Sogleich umsäuselt Abendwindeskühle,

Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Dust.

Es schweigt das Wehen banger Erdgefllhle,

Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,Besänftiget wird jede Lebenswelle,

Der Tag wird lieblich und die Nacht wird helle.

So kommt denn, Freunde, wenn auf euren WegenDes Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,Wenn eure Bahn ein srischerneuter SegenMt Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!

So leben wir, so wandeln wir beglückt.

Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.