Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

5

Ich denk', ich halte sie einmalUnd büße meine Lust;

Und endigt sich nicht meine Qual,Sterb' ich an ihrer Brust!

Die Spröde.

An dem reinsten FrühlingsmorgenGing die Schäferin und sang,

Jung und schön und ohne Sorgen,Daß es durch die Felder klang,

So la la! le ralla!

Thyrsis bot ihr für ein MäulchenZwei, drei Schäfchen gleich am Ort,Schalkhaft blickte sie ein Weilchen;Doch sie sang und lachte fort,

So la la! le ralla!

Und ein andrer bot ihr BänderUnd der dritte bot sein Herz;

Doch sie trieb mit Herz und BändernSo wie mit den Lämmern Scherz,Nur la la! le ralla!

Die Gekehrte.

Bei dem Glanz der AbendrötheGing ich still den Wald entlang,Dämon saß und blies die Flöte,Daß es von den Felsen klang,So la la! le ralla!

Und er zog mich zu sich nieder,Küßte mich so hold, so süß.

Und ich sagte: blase wieder!

Und der gute Junge blies,

So la la! le ralla!

Meine Ruh ist nun verloren,Meine Freude floh davon,

Und ich hör' vor meinen OhrenImmer nur den alten Ton,

So la la! le ralla!

Kettnng.

Mein Mädchen ward mir ungetreu,

Das machte mich zum Freudenhasser;Da lief ich an ein fließend Wasser,

Das Wasser lief vor mir vorbei.

Da stand ich nun, verzweifelnd, stumm;Im Kopfe war mir's wie betrunken,Fast wär' ich in den Strom gesunken,Es ging die Welt mit mir herum.

Auf einmal hört' ich was, das rief

Ich wandte just dahin den Rücken

Es war ein Sümmchen zum Entzücken:Nimm dich in Acht! der Fluß ist tief."

Da lief mir was durch's ganze Blut,

Ich seh', so ist's ein liebes Mädchen;

Ich frage sie: wie heißt du?Käthchen!"

O schönes Käthchen! Du bist gut.

Du hältst vom Tode mich zurück,

Auf immer dank' ich dir mein Leben;

Allein das heißt mir wenig geben,

Nun sey auch meines Lebens Glück!"

Und dann klagt' ich ihr meine Noth,

Sie schlug die Augen lieblich nieder;

Ich küßte sie und sie mich wieder,

Und vor der Hand nichts mehr von Tod.

Der Musensohn.

Durch Feld und Wald zu schweifen,Mein Liebchen wegzupfeifen,

So geht's von Ort zu Ort!

Und nach dem Tacte reget,

Und nach dem Maaß bewegetSich alles an mir fort.

Ich kann sie kaum erwartenDie erste Blum' im Garten,

Die erste Blüth' am Baum.

Sie grüßen meine Lieder,

Und kommt der Winter wieder,Sing' ich noch jenen Traum.

Ich sing' ihn in der Weite,

Auf Eises Läng' und Breite,

Da blüht der Winter schön!

Auch diese Blüthe schwindetUnd neue Freude findetSich auf bebauten Höhn.

Denn wie ich bei der LindeDas junge Völkchen finde,

Sogleich erreg' ich sie.

Der stumpfe Bursche bläht sich,Das steife Mädchen dreht sichNach meiner Melodie.

Ihr gebt den Sohlen FlügelUnd treibt durch Thal und HügelDen Liebling weit von Haus.

Ihr lieben holden Musen,

Wann ruh' ich ihr am BusenAuch endlich wieder aus?