Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

Gesunden.

Ich ging im WaldeSo für mich hin,

Und nichts zu suchenDas war mein Sinn.

Im Schatten sah ichEin Blümchen stehn,Wie Sterne leuchtend,Wie Aeuglein schön.

Ich wollt' es brechen,Da sagt' es fein:

Soll ich zum WelkenGebrochen seyn?

Ich grub's mit allenDen Wllrzlein aus,Zum Garten trug ich'sAm hübschen Haus.

Und Pflanzt' es wiederAm stillen Ort:

Nun zweigt es immerUnd blüht so fort.

Glrich und Gleich.

Ein BlnmenglöckchenVorn Boden hervorWar früh gesprossetIn lieblichem Flor;

Da kam ein BienchenUnd naschte fein:Die müssen wohl beideFür einander seyn.

tvechseilied zum Tanze.

Die Gleichgültigen.

Komm mit, o Schöne, komm mit mir zum Tanze;Tanzen gehöret zum festlichen Tag.

Bist du mein Schatz nicht, so kannst du es werden,Wirst du es nimmer, so tanzen wir doch.

Komm mit, o Schöne, komm mit mir zum Tanze;Tanzen verherrlicht den festlichen Tag.

Die Zärtlichen.

Ohne dich, Liebste, was wären die Feste?

Ohne dich, Süße, was wäre der Tanz?

Wärst du mein Schatz nicht, so möcht' ich nicht tanzenBleibst du es immer, ist Leben ein Fest.

Ohne dich, Liebste, was wären die Feste?

Ohne dich, Süße, was wäre der Tanz?

Die Gleichgültigen.

Laß sie nur lieben, und laß du uns tanzen!Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz.Schlingen wir fröhlich den drehenden Reihen,Schleichen die andern zum dämmernden Wald.Laß sie nur lieben, und laß du uns tanzen!Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz.

Die Zärtlichen.

Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln!Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz.Amor, der nahe, der höret sie spotten,

Rächet sich einmal, und rächet sich bald.

Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln!Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz.

Selbstbetrug.

Der Vorhang schwebet hin und herBei meiner Nachbarin.

Gewiß, sie lauschet überquer,

Ob ich zu Hause bin,

Und ob der eifersücht'ge Groll,Den ich am Tag gehegt,

Sich, wie er nun auf immer soll,Im tiefen Herzen legt.

Doch leider hat das schöne KindDergleichen nicht gefühlt.

Ich seh', es ist der Abendwind,Der mit dem Vorhang spielt.

Kriegserklärung.

Wenn ich doch so schön wär'

Wie die Mädchen auf dem Land!Sie tragen gelbe HüteMit rosenrotstem Band.

Glauben, daß man schön sey,Dacht' ich, ist erlaubt.

In der Stadt ach! ich hab' esDem Junker geglaubt.

Nun im Frühling ach! ist'sUm die Freuden gethan:

Ihn ziehen die Dirnen,

Die ländlichen an.

Und die Taill' und den SchleppVerändr' ich zur Stund;

Das Leibchen ist länger,

Das Röckchen ist rund.

Trage gelblichen Hut,

Und ein Mieder wie Schnee;

Und sichle mit andernDen blühenden Klee.