Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Slrder

11

Glück und Traum.

Du hast uns oft im Traum gesehenZusammen zum Altare gehen,

Und dich als Frau, und mich als Mann.Oft nahm ich wachend deinem Munde,In einer unbewachten Stunde,

So viel man Küsse nehmen kann.

Das reinste Glück das wir empfunden,Die Wollust mancher reichen StundenFloh wie die Zeit mit dem Genuß.

Was hilft es mir, daß ich genieße?

Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,Und alle Freude wie ein Kuß.

Lebendiges Andenken.

Der Liebsten Band und Schleife rauben,

Halb mag sie zürnen, halb erlauben,

Euch ist es viel, ich will es glaubenUnd gönn' euch solchen Selbstbetrug:

Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, RingeSind wahrlich keine kleinen Dinge;

Allein mir sind sie nicht genug.

Lebend'gen Theil von ihrem Leben,

Ihn hat nach leisem WiderstrebenDie Allerliebste mir gegeben,

Und jene Herrlichkeit wird nichts.

Wie lach' ich all der Trödelwaare!

Sie schenkte mir die schönen Haare,

Den Schmuck des schönsten Angesichts.

Soll ich dich gleich, Geliebte, missen,

Wirst du mir doch nicht ganz entrissen:

Zu schaun, zu tändeln und zu küssenBleibt die Reliquie von dir.

Gleich ist des Haars und mein Geschicke;

Sonst buhlten wir mit Einem GlückeUm sie, jetzt sind wir fern von ihr.

Fest waren wir an sie gehangen;

Wir streichelten die runden Wangen,

Uns lockt' und zog ein süß Verlangen,

Wir gleiteten zur vollern Brust.

O Nebenbuhler, frei von Neide,

Du süß Geschenk, du schöne Beute,

Erinnre mich an Glück und Lust!

Ew'ge Kräfte, Zeit und Ferne,

Heimlich wie die Kraft der Steme,Wiegen dieses Blut zur Ruh.

Mein Gefühl wird stets erweichter;

Doch mein Herz wird täglich leichterUnd mein Glück nimmt immer zu.

Nirgends kann ich sie vergessenUnd doch kann ich ruhig essen,

Heiter ist mein Geist und frei;

Und unmerkliche BethörungMacht die Liebe zur Verehrung,

Die Begier zur Schwärmerei.

Ausgezogen durch die SonneSchwimmt im Hauch äther'scher WonneSo das leichtste Wölkchen nie,

Wie mein Herz in Ruh und Freude.Frei von Furcht, zu groß zum Neide,Lieb' ich, ewig lieb' ich sie!

An Lnna.

Schwester von dem ersten Licht,Bild der Zärtlichkeit in Trauer!Nebel schwimmt mit SilberschauerUm dein reizendes Gesicht;

Deines leisen Fußes LausWeckt aus tagverschloßnen HöhlenTraurig abgeschiedne Seelen,

Mich und nacht'ge Vögel auf.

Forschend übersieht dein BlickEine großgemeßne Weite.

Hebe mich an deine Seite!

Gieb der Schwärmerei dieß Glück!Und in wollustvoller RuhSah' der weitverschlagne RitterDurch das gläserne GegitterSeines Mädchens Nächten zu.

Des Beschauens holdes GlückMildert solcher Ferne Qualen;

Und ich sammle deine StrahlenUnd ich schärfe meinen Blick.

Hell und Heller wird es schonUm die unverhllllten Glieder,

Und nun zieht sie mich hernieder,Wie dich einst Endymion.

Glück drr Entfernung.

Trink', o Jüngling! heil'ges GlückeTaglang aus der Liebsten Blicke;Abends gaukl' ihr Bild dich ein.

Kein Verliebter hab' es besser;

Doch das Glück bleibt immer größer,Fern von der Geliebten sehn.

Lrautnacht.

Im Schlafgemach, entfernt vom Feste,Sitzt Amor dir getreu und bebt,

Daß nicht die List muthwill'ger GästeDes Brautbetrs Frieden untergräbt.