Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

Gold kauft die Stimme großer Haufen,Kein einzig Herz erwirbt es dir:

Doch willst du dir ein Mädchen kaufen,

So geh und gieb dich selbst dafür.

Soll dich kein heilig Band umgeben,

O Jüngling, schränke selbst dich ein!

Man kann in wahrer Freiheit lebenUnd doch nicht ungebunden seyn.

Laß nur für Eine dich entzünden;

Und ist ihr Herz von Liebe voll,

So laß die Zärtlichkeit dich binden,

Wenn dich die Pflicht nicht binden soll.

Empfinde, Jüngling! und dann wähleEin Mädchen dir, sie wähle dich,

Bon Körper schön und schön von Seele,Und dann bist du beglückt, wie ich.

Ich, der ich diese Kunst verstehe,

Ich habe mir ein Kind gewählt,

Daß uns zum Glück der schönsten EheAllein des Priesters Segen fehlt.

Für nichts besorgt als meine Freude,

Für mich nur schon zu seyn bemüht,Wollüstig nur an meiner Seite,

Und sittsam wenn die Welt sie sieht;

Daß unsrer Gluth die Zeit nicht schade,Räumt sie kein Recht aus Schwachheit ein,Und ihre Gunst bleibt immer Gnade,

Und ich muß immer dankbar seyn.

Ich bin genügsam und genießeSchon da, wenn sie mir zärtlich lacht,Wenn sie bei Tisch des Liebsten FüßeZum Schemel ihrer Füße macht,

Den Apfel den sie angebissen,

Das Glas woraus sie trank, mir reicht,Und mir bei halb geraubten KüssenDen sonst verdeckten Busen zeigt.

Und wenn in stillgesell'ger StundeSie einst mit mir von Liebe spricht,Wünsch' ich nur Worte von dem Munde,Nur Worte, Küsse wünsch' ich nicht.

Welch ein Verstand, der sie beseelet,

Mit immer neuem Reiz umgiebt!

Sie ist vollkommen, und sie fehletDarin allein daß sie mich liebt.

Die Ehrfurcht wirft mich ihr zu Füßen,Die Sehnsucht mich an ihre Brust.

Sieh, Jüngling! dieses heißt genießen,Sey klug und suche diese Lust.

Der Tod führt einst von ihrer SeiteDich auf zum englischen Gesang,

Dich zu des Paradieses Freude,

Und du fühlst keinen Uebergang.

Der Lchäftr.

Es war ein fauler Schäfer,

Ein rechter Siebenschläfer,

Ihn kümmerte kein Schaf.

Ein Mädchen konnt' ihn fassen:Da war der Tropf verlassen,Fort Appetit und Schlaf!

Es trieb ihn in die Ferne,

Des Nachts zählt' er die Sterne,Er klagt' und härmt' sich brav.

Nun da sie ihn genommen,

Ist alles wieder kommen,

Durst, Appetit und Schlaf.

Der Abschied.

Laß mein Aug' den Abschied sagen,Den mein Mund nicht nehmen kann!Schwer, wie schwer ist er zu tragen!Und ich bin doch sonst ein Mann.

Traurig wird in dieser StundeSelbst der Liebe süßtes Pfand,

Kalt der Kuß von deinem Munde,Matt der Druck von deiner Hand.

Sonst, ein leicht gestohlnes Mäulchen,O wie hat es mich entzückt!

So erfreuet uns ein Veilchen,

Das man früh im März gepflückt.

Doch ich Pflücke nun kein Kränzchen,Keine Rose mehr für dich.

Frühling ist es, liebes Kränzchen,

Aber leider Herbst für mich!

Die schöne Rächt.

Nun verlast' ich diese Hütte,

Meiner Liebsten Aufenthalt,

Wandle mit verhülltem SchritteDurch den öden finstern Wald:

Luna bricht durch Busch und Eichen,Zephyr meldet ihren Lauf,

Und die Birken streun mit NeigenIhr den süßten Weihrauch auf.

Wie ergötz' ich mich im KühlenDieser schönen Sommernacht!

O wie still ist hier zu fühlenWas die Seele glücklich macht!

Läßt sich kaum die Wonne fassen;Und doch wollt' ich, Himmel, dirTausend solcher Nächte lassen,

Gäb' mein Mädchen Eine mir.