Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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16

Lieder.

Heimlich in mein Zimmerchen verschlossen,Lag im Mondenschein,

Ganz von seinem Schauerlicht umflossen,Und ich dämmert' ein;

Träumte da von vollen goldnen StundenUngemischter Lust,

Hatte ganz dein liebes Bild empfundenTief in meiner Brust.

Bin ich's noch, den du bei so viel LichternAn dem Spieltisch hältst?

Oft so unerträglichen GesichternGegenüber stellst?

Reizender ist mir des Frühlings BlütheNun nicht auf der Flur:

Wo du, Engel, bist, ist Lieb' und Güte,Wo du bist, Natur.

Maiiird.

Wie herrlich leuchtetMir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!Wie lacht die Flur!

Es dringen BlüthenAus jedem ZweigUnd tausend StimmenAus dem Gesträuch.

Und Freud' und WonneAus jeder Brust.

O Erd', o Sonne!

O Glück, o Lust!

O Lieb', o Liebe!

So golden schön,

Wie MorgenwolkenAuf jenen Höhn!

Du segnest herrlichDas frische Feld,

Im BlüthendampfeDie volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,Wie lieb' ich dich!

Wie blickt dein Auge!Wie liebst du mich!

So liebt die LercheGesang und Luft,

Und MorgenblumenDen Himmelsdust,

Wie ich dich liebeMit warmem Blut,

Die du mir JugendUnd Freud' und Muth

Zu neuen LiedernUnd Tänzen giebst.Sey ewig glücklich,Wie du mich liebst!

Mit einem gemalten Land.

Kleine Blumen, kleine BlätterStreuen mir mit leichter HandGute junge Frühlings-GötterTändelnd auf ein lufüg Band.

Zephyr, nimm's auf deine Flügel,Schling's um meiner Liebsten Kleid;Und so tritt sie vor den SpiegelAll in ihrer Munterkeit.

Sieht mit Rosen sich umgeben,Selbst wie eine Rose jung.

Einen Blick, geliebtes Leben!

Und ich bin belohnt genung.

Fühle, was dieß Herz empfindet,Reiche frei mir deine Hand,

Und das Band, das uns verbindet,Sey kein schwaches Rosenband!

Mit einem goldnen Halskettchen.

Dir darf dieß Blatt ein Kettchen bringen,Das, ganz zur Biegsamkeit gewöhnt,

Sich mit viel hundert kleinen SchlingenUm deinen Hals zu schmiegen sehnt.

Gewähr' dem Närrchen die Begierde,

Sie ist voll Unschuld, ist nicht kühn;

Am Tag ist's eine kleine Zierde,

Am Abend wirfst dn's wieder hin.

Doch bringt dir einer jene Kette,

Die schwerer drückt und ernster faßt,Verdenk' ich dir es nicht, Lisette,

Wenn du ein klein Bedenken hast.

Än Lottchen.

Mitten im Getümmel mancher Freuden,

Mancher Sorgen, mancher Herzensnoth,

Denk' ich dein, o Lottchen, denken dein die beiden,

Wie beim stillen Abendroth

Du die Hand uns freundlich reichtest,

Da du uns auf reichbebauter Flur,

In dem Schooße herrlicher Natur,

Manche leicht verhüllte SpurEiner lieben Seele zeigtest.

Wohl ist mir's, daß ich dich nicht verkannt,

Daß ich gleich dich in der ersten Stunde,

Ganz den Herzensausdruck in dem Munde,

Dich ein wahres gutes Kind genannt.