Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

15

Meeresstille.

Tiefe Stille herrscht im Wasser,Ohne Regung ruht das Meer,Und bekümmert sieht der SchifferGlatte Fläche rings umher.

Keine Luft von keiner Seite!Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuern WeiteReget keine Welle sich.

Glückliche Fahrt.

Die Nebel zerreißen,

Der Himmel ist helleUnd Aeolus lösetDas ängstliche Band.

Es säuseln die Winde,

Er rührt sich der Schiffer.Geschwinde! Geschwinde!Es theilt sich die Welle,Es naht sich die Ferne;Schon seh' ich das Land!

Muth.

Sorglos über die Fläche weg,

Wo vom kühnsten Wäger die BahnDir nicht vorgegraben du siehst,Mache dir selber Bahn!

Stille, Liebchen, mein Herz!Kracht's gleich, bricht's doch nicht!Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir!

Erinnerung.

Willst du immer weiter schweifen?Sieh, das Gute liegt so nah.

Lerne nur das Glück ergreifen,Denn das Glück ist immer da.

Willkommen und Abschied.

Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde!Es war gethan fast eh' gedacht;

Der Abend wiegte schon die ErdeUnd an den Bergen hing die Nacht:

Schon stand im Nebelkleid die EicheEin aufgethürmter Riese da,

Wo Finsterniß aus dem GesträucheMit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem WolkenhügelSah kläglich aus dem Dust hervor;

Die Winde schwangen leise Flügel,Umsaus'ten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

Doch frisch und fröhlich war mein Muth;In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Gluth!

Dich sah ich, und die milde FreudeFloß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner SeiteUnd jeder Athemzug für dich.

Ein rosenfarbnes FrühlingswetterUmgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich ihr Götter!Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!

Doch ach schon mit der MorgensonneVerengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück geliebt zu werden!Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Neue Liebe neues Leben.

Herz, mein Herz, was soll das geben?Was bedränget dich so sehr?

Welch ein fremdes neues Leben!

Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles was du liebtest,

Weg warum du dich betrübtest,

Weg dein Fleiß und deine Ruh

Ach wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblüthe,

Diese liebliche Gestalt,

Dieser Blick voll Treu' und GüteMit unendlicher Gewalt?

Will ich rasch mich ihr entziehen,

Mich ermannen, ihr entfliehen,Führet mich im AugenblickAch mein Weg zu ihr zurück.

Und an diesem Zauberfädchen,

Das sich nicht zerreißen läßt,

Hält das liebe lose MädchenMich so wider Willen fest;

Muß in ihrem ZauberkreiseLeben nun auf ihre Weise.

Die Verändrung ach wie groß!

Liebe! Liebe! laß mich los!

An Minden.

Warum ziehst du mich unwiderstehlichAch in jene Pracht?

War ich guter Junge nicht so seligIn der öden Nacht?