Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

Grünt und blühetSchön der Mai;

Liebchen ziehetFroh und frei.

An dem Felsen beim Fluß,Wo sie reichte den Kuß,

Jenen ersten im Gras,

Seh' ich etwas!

Ist sie das?

X

Frühzeitiger Frühling.

Tage der Wonne,

Kommt ihr so bald?Schenkt mir die SonneHügel und Wald?

Reichlicher fließenBüchlein zumal.

Sind es die Wiesen,

Ist es das Thal?

Bläuliche Frische!Himmel und Höh!Goldene FischeWimmeln im See.

Buntes GefiederRauschet im Hain;Himmlische LiederSchallen darein.

Unter des GrünenBlühender Kraft,

Naschen die BienenSummend am Saft.

Leise BewegungBebt in der Luft,Reizende Regung,Schliifernder Duft.

Mächtiger rühretBald sich ein Hauch,

Doch er verlieretGleich sich im Strauch.

Aber zum BusenKehrt er zurück.

Helfet, ihr Musen,Tragen das Glück!

Saget, seit gesternWie mir geschah?

Liebliche Schwestern,Liebchen ist da!

Herbstgefühl.

Fetter grüne, du Laub,

Am RebengeländerHier mein Fenster herauf!Gedrängter quellet,Zwillingsbeeren, und reifetSchneller und glänzend voller!Euch brütet der Mutter SonneScheideblick, euch umsäuseltDes holden HimmelsFruchtende Fülle;

Euch kühlet des MondesFreundlicher Zauberhauch,

Und euch bethauen, ach!

Aus diesen AugenDer ewig belebenden LiebeVollschwellende Thränen.

Kaftlofe Liebe.

Dem Schnee, dem Regen,Dem Wind entgegen,

Im Dampf der Klüfte,Durch Nebeldüfte,

Immer zu! Immer zu!Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch LeidenMöcht' ich mich schlagen,Als so viel FreudenDes Lebens ertragen;

Alle das NeigenVon Herzen zu Herzen,

Ach wie so eigenSchaffet das Schmerzen!

Wie soll ich fliehen?Wälderwärts ziehen?

Alles vergebens!

Krone des Lebens,

Glück ohne Ruh,

Liebe, bist du!

Schäfers Klagelied.

Da droben auf jenem BergeDa steh' ich tausendmal,

An meinem Stäbe gebogen,

Und schaue hinab in das Thal.

Dann folg' ich der weidenden Heerde,Mein Hündchen bewahret mir sie;Ich bin herunter gekommenUnd weiß doch selber nicht wie.

Da stehet von schönen BlumenDie ganze Wiese so voll;

Ich breche sie, ohne zu wissenWem ich sie geben soll.