Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

19

Und Regen, Sturm und GewitterVerpaff' ich unter dem Baum.

Die Thüre dort bleibet verschlossen;Doch alles ist leider ein Traum.

Es stehet ein RegenbogenWohl über jenem Haus!

Sie aber ist weggezogen,

Und weit in das Land hinaus.

Hinaus in das Land und weiter,Vielleicht gar über die See.Vorüber, ihr Schafe, vorüber!Dem Schäfer ist gar so weh.

Trost in Thränen.

Wie kommt's, daß du so traurig bist,

Da alles froh erscheint?

Man sieht dir's an den Augen an,

Gewiß du hast geweint.

Und hab' ich einsam auch geweint,

So ist's mein eigner Schmerz,

Und Thränen fließen gar so süß,Erleichtern mir das Herz."

Die frohen Freunde laden dich:

O komm an unsre Brust!

Und was du auch verloren hast,Vertrau« den Verlust.

Ihr lärmt und rauscht und ahnet nicht,Was mich den Armen quält.

Ach nein, verloren hab' ich's nicht,

So sehr es mir auch fehlt."

tlachtgesang.

O gieb, vom weichen Pfühle,Träumend, ein halb Gehör!Bei meinem SaitenspicleSchlafe! was willst du mehr?

Bei meinem SaitenspicleSegnet der Sterne HeerDie ewigen Gefühle;

Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen GefühleHeben mich hoch und hehrAus irdischem Gewühle;Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen GewühleTrennst du mich nur zu sehr,Bannst mich in diese Kühle;Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,Giebst nur im Traum Gehör.Ach, auf dem weichen PfühleSchlafe! was willst du mehr?

Sehnsucht.

Was zieht mir das Herz so?Was zieht mich hinaus?

Und windet und schraubt michAus Zimmer und Haus?

Wie dort sich die WolkenUm Felsen verziehn!

Da möcht' ich hinüber,

Da möcht' ich wohl hin!

So raffe denn dich eilig auf,

Du bist ein junges Blut.

In deinen Jahren hat man KraftUnd zum Erwerben Muth.

Ach nein, erwerben kann ich's nicht,Es steht mir gar zu fern.

Es weilt so hoch, es blinkt so schön,Wie droben jener Stern."

Die Sterne, die begehrt man nicht,Man freut sich ihrer Pracht,

Und mit Entzücken blickt man aufIn jeder heitern Nacht.

Und mit Entzücken blick ich aufSo manchen lieben Tag;

Verweinen laßt die Nächte mich,

So lang ich weinen mag."

Nun wiegt sich der RabenGeselliger Flug;

Ich mische mich drunterUnd folge dem Zug.

Und Berg und GemäuerUmfittigen wir;

Sie weilet da drunten,

Ich spähe nach ihr.

Da kommt sie und wandelt;Ich eile sobaldEin singender VogelZum buschigen Wald.

Sie weilet und horchetUnd lächelt mit sich:

Er singet so lieblichUnd singt es an mich."

Die scheidende SonneVerguldet die Höhn;

Die sinnende SchöneSie läßt es geschehn.