Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Geistesgruß.

Hoch auf dem alten Thurme stehtDes Helden edler Geist,

Der wie das Schiff vorübergehtEs wohl zu fahren heißt.

Sieh, diese Senne war so stark,Dieß Herz so fest und wild,

Die Knochen voll von Rittermark,Der Becher angefüllt;

Mein halbes Leben stürmt' ich fort,Verdehnt' die Hälft' in Ruh,

Und du, du Menschen-Schisflein dort,Fahr' immer immer zu!"

An ein goldnrs Herz, das er am Halse trug. !

Angedenken du verklungner Freude,

Das ich immer noch am Halse trage,

Hältst du länger als das Seelenband uns beide? -

Verlängerst du der Liebe kurze Tage? !

Flieh' ich, Lili, vor dir! Muß noch an deinem BandeDurch fremde Lande,

Durch ferne Thäler und Wälder wallen! !

Ach, Lili's Herz konnte so bald nichtVon meinem Herzen fallen.

Wie ein Vogel, der den Faden brichtUnd zum Walde kehrt,

Er schleppt des Gefängnisses Schmach !

Noch ein Stückchen des Fadens nach;

Er ist der alte freigeborne Vogel nicht.

Er hat schon jemand angehört.

Wonne der Wehmuth.

Trocknet nicht, trocknet nicht,

Thränen der ewigen Liebe!

Ach nur dem halbgetrockneten AugeWie öde wie todt die Welt ihm erscheint!Trocknet nicht, trocknet nicht,

Thränen unglücklicher Liebe!

Wandrers Uachtlied.

Der du von dem Himmel bist,

Alles Leid und Schmerzen stillest,Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung füllest,

Ach, ich bin des Treibens müde!Was soll all der Schmerz und Lust?Süßer Friede,

Komm, ach komm in meine Brust!

Ein gleiches.

Ueber allen GipfelnIst Ruh,

In allen WipfelnSpürest duKaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.Warte nur, baldeRuhest du auch.

Jägers Abendlied.

Im Felde schleich' ich still und wild,Gespannt mein Feuerrohr,

Da schwebt so licht dein liebes Bild,Dein süßes Bild mir vor.

Du wandelst jetzt wohl still und mildDurch Feld und liebes Thal,

Und ach! mein schnell verrauschend BildStellt sich dir's nicht einmal?

Des Menschen, der die Welt durchstreiftVoll Unmuth und Verdruß,

Nach Osten und nach Westen schweift,Weil er dich lassen muß.

Mir ist es, denk' ich nur an dich,

Als in den Mond zu sehn;

Ein stiller Friede kommt aus mich,

Weiß nicht wie mir geschehn.

An den Mond.

Füllest wieder Busch und ThalStill mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmalMeine Seele ganz;

Breitest über mein GefildLindernd deinen Blick,

Wie des Freundes Auge mildUeber mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein HerzFroh- und trüber Zeit,

Wandle zwischen Freud' und SchmerzIn der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!

Nimmer werd' ich froh!

So verrauschte Scherz und Kuß,

Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,

Was so köstlich ist!

Daß man doch zu seiner QualNimmer es vergißt!