Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

20

?ieter.

Sie wandelt am BacheDie Wiesen entlang,

Und finster und finstrerUmschlingt sich der Gang.

Auf einmal erschein' ichEin blinkender Stern.Was glänzet da droben,So nah und so fern?

Und hast du mit StaunenDas Leuchten erblickt;

Ich lieg' dir zu Füßen,Da bin ich beglückt!

An Mignon.

Ueber Thal und Fluß getragenZiehet rein der Sonne Wagen.

Ach, sie regt in ihrem Lauf,

So wie deine, meine Schmerzen,

Tief im Herzen,

Immer Morgens wieder auf.

Kaum will mir die Nacht noch frommen,Denn die Träume selber kommenNun in trauriger Gestalt;

Und ich fühle dieser Schmerzen,

Still im Herzen,

Heimlich bildende Gewalt.

Schon seit manchen schönen JahrenSeh' ich unten Schiffe fahren,

Jedes kommt an seinen Ort;

Aber ach, die schweren Schmerzen,

Fest im Herzen,

Schwimmen nicht im Strome fort.

Schön in Kleidern muß ich kommen,

Aus dem Schrank sind sie genommen,Weil es heute Festtag ist;

Niemand ahnet, daß von SchmerzenHerz im HerzenGrimmig mir zerrissen ist.

Heimlich muß ich immer weinen,

Aber freundlich kann ich scheinenUnd sogar gesund und roth;

Wären tödtlich diese SchmerzenMeinem Herzen,

Ach, schon lange wär' ich todt.

Lerg,schloß.

Da droben auf jenem BergeDa steht ein altes Schloß,

Wo hinter Thoren und ThürenSonst lauerten Ritter und Roß.

Verbrannt sind Thüren und ThoreUnd überall ist es so still;

Das alte verfallne GemäuerDurchklettr' ich wie ich nur will.

Hierneben lag ein KellerSo voll von köstlichem Wein;

Nun steiget nicht mehr mit KrügenDie Kellnerin heiter hinein.

Sie setzt den Gästen im SaaleNicht mehr die Becher umher,

Sie füllt zum heiligen Mahle

Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr.

Sie reicht dem lüsternen KnappenNicht mehr auf dem Gange den Trank,Und nimmt für flüchtige GabeNicht mehr den flüchtigen Dank.

Denn alle Balken und DeckenSie sind schon lange verbrannt,

Und Trepp' und Gang und CapelleIn Schutt und Trümmer verwandt.

Doch als mit Zither und FlascheNach diesen felsigen HöhnIch an dem heitersten TageMein Liebchen steigen gesehn;

Da drängte sich frohes BehagenHervor aus verödeter Ruh,

Da ging's wie in alten TagenRecht feierlich wieder zu;

Als wären für stattliche GästeDie weitesten Räume bereit,

Als käm' ein Pärchen gegangenAus jener tüchtigen Zeit;

Als stünd' in seiner CapelleDer würdige Pfaffe schon daUnd fragte: wollt ihr einander?

Wir aber lächelten: Ja!

Und tief bewegten GesängeDes Herzens innigsten Grund,

Es zeugte statt der MengeDer Echo schallender Mund.

Und als sich gegen den AbendIm Stillen alles verlor,

Da blickte die glühende SonneZum schroffen Gipfel empor.

Und Knapp und Kellnerin glänzenAls Herren weit und breit;

Sie nimmt sich zum CredenzenUnd er zum Danke sich Zeit.