Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

Vor Gericht.

Bon wcm ich es habe, das sag' ich euch nicht,Das Kind in meinem Leib.

Pfui! speit ihr aus: die Hure da!

Bin doch ein ehrlich Weib.

Mit wem ich mich traute, das sag' ich euch nicht.Mein Schatz ist lieb und gut,

Trägt er eine goldene Kett' am Hals,

Trägt er einen strohernen Hut.

Soll Spott und Hohn getragen seyn,

Trag' ich allein den Hohn.

Ich kenn' ihn Wohl, er kennt mich Wohl,

Und Gott weiß auch davon.

Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,

Ich bitte, laßt mich in Ruh!

Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,

Ihr gebt mir ja nichts dazu.

Äer Edelknabe und die Müllerin.

Edelknabe.

Wohin? wohin?

Schöne Müllerin!

Wie heißt du?

Müllerin.

Liese.

Edelknabe.

Wohin denn? Wohin,

Mit dem Rechen in der Hand?

Müllerin.

Auf des Vaters Land,

Auf des Vaters Wiese.

Edelknabe.

Und gehst so allein?

Müllerin.

Das Heu soll herein,

Das bedeutet der Rechen;

Und im Garten daranFangen die Birnen zu reifen an;

Die will ich brechen.

Edelknabe.

Ist nicht eine stille Laube dabei?

Müllerin.

Sogar ihrer zwei,

An beiden Ecken.

Edelknabe.

Ich komme dir nach,

Und am heißen MittagWollen wir uns drein verstecken.

Nicht wahr, im grünen vertraulichen Hans

Müllerin.

Das gäbe Geschichten.

Edelknabe.

Ruhst du in meinen Armen aus?Müllerin.

Mit Nichten!

Denn wer die artige Müllerin küßt,Auf der Stelle verrathen ist.

Euer schönes dunkles KleidThat' mir leidSo weiß zu färben.

Gleich und gleich! so allein ist's recht!Darauf will ich leben und sterben.

Ich liebe mir den MUllerknecht;

An dem ist nichts zu verderben.

Der Äunggesrll und der Mühlbach.

Gesell.

Wo willst du klares Büchlein hin,

So munter?

Du eilst mit frohem leichtem SinnHinunter.

Was suchst du eilig in dem Thal?

So höre doch und sprich einmal!

Bach.

Ich war ein Büchlein, Junggesell;

Sie haben

Mich so gefaßt, damit ich schnell,

Im Graben,

Zur Mühle dort hinunter soll,

Und immer bin ich rasch und voll.

Gesell.

Du eilest mit gelaßnem MuthZur Mühle,

Und weißt nicht, was ich junges Blut' Hier fühle.

Es blickt die schöne Müllerin

Wohl freundlich manchmal nach dir hin?

Bach.

Sie öffnet früh beim MorgenlichtDen Laden,

Und kommt, ihr liebes AngesichtZu baden.

Ihr Busen ist so voll und weiß;

Es wird mir gleich zum Dampfen heiß.

Gesell.

Kann sie im Wasser LiebesgluthEntzünden;

Wie soll man Ruh mit Fleisch und BlutWohl finden?

Wenn man sie Einmal nur gesehn,

Ach! immer muß man nach ihr gehn.