Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

47

Die Fürstin entdecktDas Westchen befleckt:

Für sie war nichts unerreichbar,

Der Kön'gin von Saba vergleichbar.

Und sie die Hofmeisterin rufen läßt:

„Wir kamen doch neulich zu Streite,

Und ihr behauptetet steif und fest,

Nicht reiche der Geist in die Weite;

Die Gegenwart nurDie lasse wohl Spur:

Doch niemand wirk' in die Ferne,

Sogar nicht die himmlischen Sterne."

„Nun seht! So eben ward mir zur Seit'Der geistige Süßtrank verschüttet,

Und gleich darauf hat er dort hinten so weitDem Knaben die Weste zerrüttet. —Besorg' dir sie neu!

Und weil ich mich freu',

Daß sie mir zum Beweise gegolten,

Ich zahl' sie! sonst wirst du gescholten."

Die wandelnde Glocke.

Es war ein Kind, das wollte nieZur Kirche sich bequemen,

Und Sonntags fand es stets ein Wie,Den Weg in's Feld zu nehmen.

Die Mutter sprach: die Glocke tönt,

Und so ist dir's befohlen,

Und hast du dich nicht hingewöhnt,

Sie kommt und wird dich holen.

Das Kind es denkt: die Glocke hängtDa droben auf dem Stuhle.

Schon hat's den Weg in's Feld gelenkt,Als lief' es aus der Schule.

Die Glocke Glocke tönt nicht mehr,

Die Mutter hat gefackelt.

Doch welch ein Schrecken hinterher!

Die Glocke kommt gewackelt.

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum;Das arme Kind im SchreckenEs laust, es kommt, als wie im Traum;Die Glocke wird es decken.

Doch nimmt es richtig seinen Husch,

Und mit gewandter SchnelleEilt es durch Anger, Feld und BuschZur Kirche, zur Lapelle.

Und jeden Sonn - und FeiertagGedenkt es an den Schaden,

Läßt durch den ersten Glockenschlag,

Nicht in Person sich laden.

der getreue Eckart.

O wären wir weiter, o wär' ich zu Haus!

Sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus;

Sie sind's die unholdigen Schwestern.

Sie streifen heran und sie finden uns hier,

Sie trinken das mühsam geholte das Bier,

Und lassen nur leer uns die Krüge.

So sprechen die Kinder und drücken sich schnell;

Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell:

Nur stille, Kind! Kinderlein, stille!

Die Hulden sie kommen von durstiger Jagd,

Und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt,

Dann sind sie euch hold die Unholden.

Gesagt so geschehn! und da naht sich der GrausUnd siehet so grau und so schattenhaft aus,

Doch schlürft es und schlampst es auf's beste.

Das Bier ist verschwunden, die Krüge sind leer;

Nun sauft und braus't es, das wüthige Heer,

In's weite Gethal und Gebirge.

Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell,

Gesellt sich zu ihnen der fromme Gesell!

Ihr Püppchen, nur seyd mir nicht traurig. —

Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis auf's Blut. —Nein keineswegs, alles geht herrlich und gut,

Nur schweiget und horchet wie Mäuslein.

Und der es euch anräth und der es befiehlt,

Er ist es, der gern mit den Kindelein spielt,

Der alte Getreue, der Eckart.

Bom Wundermann hat man euch immer erzählt,

Nur hat die Bestätigung jedem gefehlt,

Die habt ihr nun köstlich in Händen.

Sie kommen nach Haufe, sie setzen den KrugEin jedes den Eltern bescheiden genugUnd harren der Schläg' und der Schelten.

Doch siehe, man kostet: ein herrliches Bier!

Man trinkt in die Runde schon dreimal und vierUnd noch nimmt der Krug nicht ein Ende.

Das Wunder es dauert zum morgenden Tag;

Doch fraget, wer immer zu fragen vermag:

Wie ist's mit den Krügen ergangen?

Die Mäuslein sie lächeln, im Stillen ergeht;

Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt,

Und gleich sind vertrocknet die Krüge.

Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem GesichtEin Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht,

So horchet und folget ihm pünktlich!

Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut,Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut;

Dann füllt sich das Bier in den Krügen.