Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

48

Balladen

Gutmann und Gutweib.

Und morgen fällt St. Martins Fest,Gutweib liebt ihren Mann;

Da knetet sie ihm Puddings einUnd bäckt sie in der Pfann'.

Im Bette liegen beide nun,

Da sans't ein wilder West;

Und Gutmann spricht zur guten Frau:

Du riegle die Thüre fest.

Bin kaum erholt und halb erwärmt,

Wie käm'ich da zu Ruh;

Und klapperte sie einhundert Jahr,

Ich riegelte sie nicht zu.

Drauf eine Wette schlössen sieGanz leise sich in's Ohr:

So wer das erste Wörtlein spräch',

Der schöbe den Riegel vor.

Zwei Wanderer kommen um MitternachtUnd wissen nicht, wo sie stehn;

Die Lampe losch, der Herd verglomm,

Zu hören ist nichts, zu sehn.

Was ist das für ein Hexenort?

Da bricht uns die Geduld!

Doch hörten sie kein Sterbenswort,

Deß war die Thüre schuld.

Den weißen Pudding speisten sie,

Den schwarzen ganz vertraut.

Uud Gutweib sagte sich selber viel,

Doch keine Sylbe laut.

Zu Diesem sprach der Jene dann:

Wie trocken ist mir der Hals!

Der Schrank der klafft und geistig riecht's,Da findet sich's allenfalls.

Ein Fläschchen Schnapps ergreif' ich da,Das trifft sich doch geschickt!

Ich bring' es dir, du bringst es mirUnd bald sind wir erquickt.

Doch Gutmann sprang so heftig aufUnd fuhr sie drohend an:

Bezahlen soll mit theurem Geld,

Wer mir den Schnapps verthan!

Und Gutweib sprang auch froh heran,

Drei Sprünge, als wär' sie reich:

Du, Gutmann, sprachst das erste Wort,Nun riegle die Thüre gleich!

Der To-tentanz.

Der Thürmer der schaut zu Mitten der NachtHinab auf die Gräber in Lage!

Der Mond der hat alles in's Helle gebracht;

Der Kirchhof er liegt wie am Tage.

Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:

Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,

In weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich,

Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,

So arm und so jung, so alt und so reich;

Doch hindern die Schleppen am Tanze.

Und weil hier die Schani nun nicht weiter gebeut,

Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreutDie Hemdelein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,Gebärden da giebt es vertrackte;

Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,

Als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.

Das kommt nun dem Thürmer so lächerlich vor;

Da raunt ihm der Schalk, der Versucher in's Ohr:Geh! hole dir einen der Laken.

Gethan wie gedacht! und er flüchtet sich schnellNun hinter geheiligte Thüren.

Der Mond und noch immer er scheinet so hellZum Tanz, den sie schauderlich führen.

Doch endlich verlieret sich dieser und der,

Schleicht eins nach dem andern gekleidet einherUnd husch ist es unter dem Rasen.

Nur einer der trippelt und stolpert zuletztUnd tappet und graps't an den Grüften;

Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;

Er wittert das Tuch in den Lüften.

Er rüttelt die Thurmthür, sie schlägt ihn zurück,Geziert und gesegnet, dem Thürmer zum Glück;

Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,

Da gilt auch kein langes Besinnen,

Den gothischen Zierrath ergreift nun der WichtUnd klettert von Zinne zu Zinneu.

Nun ist's um den armen, den Thürmer gethan!

Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Thürmer erbleichet, der Thürmer erbebt,

Gern gäb' er ihn wieder den Laken.

Da häkelt jetzt hat er am längsten gelebt

Den Zipfel ein eiserner Zacken.

Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,Die Glocke sie donnert ein mächtiges EinsUnd unten zerschellt das Gerippe.