Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

51

Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:Ach, wie ungern seh' ich dich gequält!

Aber, ach! berührst du meine Glieder,

Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.Wie der Schnee so weiß,

Aber kalt wie Eis,

Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

Heftig faßt er sie mit starken Armen,

Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:

Hoffe doch bei mir noch zu erwärmen,

Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!Wechselhauch und Kuß!

Liebesüberfluß!

Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

Liebe schließet fester sie zusammen,

Thränen mischen sich in ihre Lust;

Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,Eins ist nur im andern sich bewußt.

Seine LiebeswuthWärmt ihr starres Blut,

Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

Unterdessen schleichet auf dem Gange,Häuslich spät die Mutter noch vorbei,

Horchet an der Thür und horchet lange,Welch ein sonderbarer Ton es sey.

Klag - und WonnelautBräutigams und BrautUnd des Liebestammelns Raserei.

Unbeweglich bleibt sie an der Thüre,

Weil sie erst sich überzeugen muß,

Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,

Lieb' und Schmeichelworte, mit Verdruß:Still! der Hahn erwacht!

Aber morgen Nacht

Bist du wieder da? und Kuß auf Kuß.

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,Oeffnet das bekannte Schloß geschwind:Giebt es hier im Hause solche Dirnen,

Die dem Fremden gleich zu Willen sind?So zur Thür hinein.

Bei der Lampe Schein

Sieht sie Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten SchreckenMit des Mädchens eignem Schleierflor,

Mit dem Teppich die Geliebte decken;

Doch sie windet gleich sich selbst hervor.

Wie mit Geist's GewaltHebet die Gestalt

Lang und langsam sich im Bett' empor.

Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte:

So mißgönnt ihr mir die schöne Nacht!

Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte!Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?

Jst's euch nicht genug,

Daß in's Leichentuch,

Daß ihr früh mich in das Grab gebracht?

Aber aus der schwerbedeckteu EngeTreibet mich ein eigenes Gericht.

Eurer Priester summende GesängeUnd ihr Segen haben kein Gewicht;

Salz und Wasser kühltNicht, wo Jugend fühlt;

Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

Dieser Jüngling war mir erst versprochen,

Als noch Venus' heitrer Tempel stand.Mutter, habt ihr doch das Wort gebrochen,Weil ein fremd, ein falsch Gelübd' euch band!Doch kein Gott erhört,

Wenn die Mutter schwört,

Zu versagen ihrer Tochter Hand.

Aus dem Grabe werd' ich ausgetrieben,

Noch zu suchen das vermißte Gut,

Noch den schon Verlornen Mann zu liebenUnd zu saugen seines Herzens Blut.

Jst's um den geschehn,

Muß nach andern gehn,

Und das junge Volk erliegt der Wuth.

Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben;Du versuchest nun an diesem Ort.

Meine Kette hab' ich dir gegeben;

Deine Locke nehm' ich mit mir fort.

Sieh sie an genau!

Morgen bist du grau,

Und nur braun erscheinst du wieder dort.

Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:

Einen Scheiterhaufen schichte du;

Oeffne meine bange kleine Hütte,

Bring' in Flammen Liebende zur Ruh!

Wenn der Funke sprüht,

Wenn die Asche glüht,

Eilen wir den alten Göttern zu.

Der Gott und die Bajadere.

Indische Legende.

Mahadöh, der Herr der Erde,

Kommt herab zum sechstenmal,

Daß er unsers Gleichen werde,

Mit zu fühlen Freud' und Qual.

Er bequemt sich hierzu wohnen,

Läßt sich alles selbst geschehn.

Soll er strafen oder schonen,

Bkuß er Menschen menschlich sehn.

Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet,Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,Verläßt er sie Abends, um weiter zu gehn.