Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen

Als er nun hinausgegangen,

Wo die letzten Häuser sind,

Sieht er, mit gemalten Wangen,

Ein Verlornes schönes Kind.

Grüß' dich, Jungfrau! Dank der Ehre!

Wart', ich komme gleich hinaus.

Und wer bist du? Bajadere,

Und dieß ist der Liebe Haus.

Sie rührt sich, die Cymbeln zum Tanze zu schlagen;

Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,

Sie neigt sich und biegt sich, und reicht ihm den Strauß.

Bei der Bahre stürzt sie nieder,

Ihr Geschrei durchdrängt die Luft:

Meinen Gatten will ich wieder!

Und ich such' ihn in der Gruft.

Soll zu Asche mir zerfallenDieser Glieder Gotterpracht?

Mein! er war es, mein vor allen!

Ach, nur Eine süße Nacht!

Es singen die Priester: Wir tragen die Alten,Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,Wir tragen die Jugend, noch eh' sie's gedacht.

Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,Lebhaft ihn in's Haus hinein.

Schöner Fremdling, lampenhelleSoll sogleich die Hütte sehn.

Bist du müd', ich will dich laben,

Lindern deiner Füße Schmerz.

Was du willst, das sollst du haben,

Ruhe, Freuden oder Scherz.

Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden.

Der Göttliche lächelt; er siehet mit FreudenDurch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

Und er fordert Sklaveudienste;

Immer heitrer wird sie nur,

Und des Mädchens frühe KünsteWerden nach und nach Natur.

Und so stellet auf die BlütheBald und bald die Frucht sich ein;

Ist Gehorsam im Gemüthe,

Wird nicht fern die Liebe seyn.

Aber, sie schärfer und schärfer zu Prüfen,

Wählet der Kenner der Höhen und TiefenLust und Entsetzen und grimmige Pein.

Und er küßt die bunten Wangen,

Und sie fühlt der Liebe Qual,

Und das Mädchen steht gefangen,

Und sie weint zum erstenmal;

Sinkt zu seinen Füßen nieder,

Nicht um Wollust noch Gewinnst,

Ach! und die gelenken GliederSie versagen allen Dienst.

Und so zu des Lagers vergnüglicher FeierBereiten den dunklen behaglichen SchleierDie nächtlichen Stunden, das schöne Gespinnst.

Spät entschlummert unter Scherzen,

Früh erwacht nach kurzer Rast,

Findet sie an ihrem HerzenTodt den vielgeliebten Gast.

Schreiend stürzt sie auf ihn nieder;

Aber nicht erweckt sie ihn,

Und man trägt die starren GliederBald zur Flammengrube hin.

Sie höret die Priester, die Todtengesänge,

Sie raset und rennet und theilet die Menge.

Wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin?

Höre deiner Priester Lehre:

Dieser war dein Gatte nicht.

Lebst du doch als Bajadere,

Und so hast du keine Pflicht.

Nur dem Körper folgt der SchattenIn das stille Todtenreich;

Nur die Gattin folgt dem Gatten:

Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.

Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!

O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage,O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!

So das Chor, das ohn' ErbarmenMehret ihres Herzens Noth;

Und mit ausgestreckten ArmenSpringt sie in den heißen Tod.

Doch der Götter-Jüngling hebetAus der Flamme sich empor,

Und in seinen Armen schwebetDie Geliebte mit hervor.

Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;Unsterbliche heben verlorene KinderMit feurigen Armen zum Himmel empor.

Paria.

Des Paria Geber.

Großer Brama, Herr der Mächte!Alles ist von deinem Samen,

Und so bist du der Gerechte!

Hast du denn allein die Bramen,Nur die Rajas und die Reichen,Hast du sie allein geschaffen?

Oder bist auch du's, der AffenWerden ließ und unsers Gleichen?

Edel sind wir nicht zu nennen:Denn das Schlechte das gehört uns,Und was Andre tödtlich kennen,

Das alleine, das vermehrt uns.Mag dieß für die Menschen gelten,Mögen sie uns doch verachten;

Aber du, du sollst uus achten,

Denn du könntest alle schelten.