Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

Webt so schön vor Stirn und Auge;Senkt sich's in das Herz herunter,Regt es tolle Wuthbegier.

Immer wird es wiederkehren,Immer steigen, immer sinken,

Sich verdüstern, sich verklären,

So hat Brama dieß gewollt.

Er gebot ja buntem Fittig,

Klarem Antlitz, schlanken Gliedern,Göttlich-einzigem Erscheinen,

, Mich zu prüfen, zu verführen;

Denn von oben kommt Verführung,Wenn's den Göttern so beliebt.

Und so soll ich die Bramme,

Mit dem Haupt im Himmel weilend,Fühlen Paria dieser ErdeNiederziehende Gewalt.

Sohn, ich sende dich dem Vater!Tröste! Nicht ein traurig Büßen,Stumpfes Harren, stolz Verdienen,Halt' euch in der Wildniß fest;Wandert aus durch alle.Welten,Wandelt hin durch alle ZeitenUnd verkündet auch Geringstem:

Daß ihn Brama droben hört!

Ihm ist keiner der Geringste:

Wer sich mit gelähmten Gliedern,Sich mit wild zerstörtem Geiste,Düster ohne Hüls' und Rettung,

Sey er Brame, sey er Paria,

Mit dem Blick nach oben kehrt,Wird's empfinden, wird's erfahren:Dort erglühen tausend Augen,Ruhend lauschen tausend Ohren,Denen nichts verborgen bleibt.

Heb' ich mich zu seinem Throne,Schaut er mich, die Grausenhafte,Die er gräßlich umgeschaffen,

Muß er ewig mich bejammern,

Euch zu Gute komme das.

Und ich werd' ihn freundlich mahnenUnd ich werd' ihm wüthend sagen,Wie es mir der Sinn gebietet,

Wie es mir im Busen schwellet.

Was ich denke, was ich fühle

Ein Geheimniß bleibe das.

Bank des Paria.

Großer Brama! nun erkenn' ich,Daß du Schöpfer bist der Welten!Dich als meinen Herrscher nenn' ich;Denn du lässest alle gelten.

Und verschließest auch dem LetztenKeines von den tausend Ohren;

Uns, die tief herabgesetzten,

Alle hast du neu geboren.

Wendet euch zu dieser Frauen,

Die der Schmerz zur Göttin wandelt;Nun beharr' ich anzuschauenDen, der einzig wirkt und handelt.

Llaggesang

von der edeln Frauen des Asan Aga.

Aus dem Morlackischen.

Was ist Weißes dort am grünen Walde?

Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?Wär' es Schnee, er wäre weggeschmolzen;Wären's Schwäne, wären weggeflogen.

Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,

's ist der Glanz der Zelten Asan Aga;

Niederliegt er drin an seiner Wunde.

Ihn besucht die Mutter und die Schwester;Schamhaft säumt sein Weib zu ihm zu kommen.

Als nun seine Wunde linder wurde,

Ließ er seinem treuen Weibe sagen:

Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,

Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen."

Als die Frau dieß harte Wort vernommen,

Stand die Treue starr und voller Schmerzen,Hört der Pferde Stampfen vor der Thüre,

Und es däucht ihr, Asan käm', ihr Gatte,Springt zum Thurme, sich herab zu stürzen.Aengstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,

Rufen nach ihr, weinend bittre Thränen:

Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,

Ist dein Bruder Pintorowich kommen!"

Und es kehret die Gemahlin Asan's,

Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!"

Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,-Eingehüllet in hochrothe Seide, .

Ausgefertiget den Brief der Scheidung,

Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,

Frei sich einem Andern zu ergeben.

Als die Frau den Trauer-Scheidbrief sahe,

Küßte sie der beiden Knaben Stirne,

Küßt' die Wangen ihrer beiden Mädchen.

Aber ach! vom Säugling in der WiegeKann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!Reißt sie los der ungestüme Bruder,

Hebt sie auf das muntre Roß behende,

Und so eilt er mit der bangen FrauenGrad' nach seines Vaters hoher Wohnung.