Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

Also Herr, nach diesem Flehen,Segne mich zu deinem Kinde;Oder Eines laß entstehen,

DaS auch mich mit dir verbinde!Denn du hast den BajaderenEine Göttin selbst erhoben;

Auch wir andern, dich zu loben,Wollen solch ein Wunder hören.

Legende.

Wasser holen geht die reine,

Schöne Frau des hohen Bramen,

Des verehrten, fehlerlosen,

Ernstester Gerechtigkeit.

Täglich von dem heiligen FlusseHolt sie köstlichstes Erquicken;

Aber wo ist Krug und Eimer?

Sie bedarf derselben nicht.

Seligem Herzen, frommen HändenBallt sich die bewegte WelleHerrlich zu krystallner Kugel;

Diese trägt sie, frohen Busens,

Reiner Sitte, holden Wandclns,

Vor den Gatten in das Haus.

Heute kommt die morgendlicheIm Gebet zu Ganges' Fluthen,

Beugt sich zu der klaren Fläche:Plötzlich überraschend spiegelt,

Aus des höchsten Himmels BreitenUeber ihr vorübereilend,

Allerlieblichste GestaltHehren Jünglings, den des GottesUranfänglich schönes DenkenAus dem ew'gen Busen schuf.

Solchen schauend fühlt ergriffenVon verwirrenden GefühlenSie das innere tiefste Leben,

Will verharren in dem Anschaun,Weist es weg, da kehrt es wiederUnd verworren strebt sie fluthwärts,Mit unsichrer Hand zu schöpfen;

Aber ach! sie schöpft nicht mehr!

Denn des Wassers heilige WelleScheint zu fliehn, sich zu entfernen,

Sie erblickt nur hohler WirbelGrause Tiefen unter sich.

Arme sinken, Tritte straucheln;

Jst's denn auch der Pfad nach Hause?Soll sie zaudern? soll sie fliehen?

Will sie denken, wo Gedanke,

Rath und Hülfe gleich versagt?

Und so tritt sie vor den Gatten;

Er erblickt sie, Blick ist Urtheil,

Hohen Sinns ergreift das Schwert er,

Schleppt sie zu dem Todtenhügel,

Wo Verbrecher büßend bluten.

Wüßte sie zu widerstreben?

Wüßte sie sich zu entfchuld'gcn,

Schuldig, keiner Schuld bewußt?

Und er kehrt mit blutigem SchwerteSinnend zu der stillen Wohnung;

Da entgegnet ihm der Sohn:

Wessen Blut ist's? Vater! Vater!"Der Verbrecherin!Mit Nichten!

Denn es starret nicht am SchwerteWie verbrecherische Tropfen;

Fließt wie aus der Wunde frisch.

Mutter, Mutter! tritt heraus her!Ungerecht war nie der Vater;

Sage, was er jetzt verübt."

Schweige! Schweige! 's ist das ihre!Wessen ist es?" Schweige! Schweige!Wäre meiner Mutter Blut!!!

Was geschehen? was verschuldet?

Her das Schwert! ergriffen hab' ich's;Deine Gattin magst du tödten,

Aber meine Mutter nicht!

In die Flammen folgt die GattinIhrem einzig Angetrauten,

Seiner einzig theuren MutterIn das Schwert der treue Sohn."

Halt, v halte! rief der Vater;

Noch ist Raum, enteil', enteile!

Füge Haupt dem Rumpfe wieder,

Du berührest mit dem SchwerteUnd lebendig folgt sie dir.

Eilend, athemlos erblickt erStaunend zweier Frauen KörperUeberkreuzt und so die Häupter;

Welch Entsetzen! welche Wahl!

Dann der Mutter Haupt erfaßt er,

Küßt es nicht, das todt erblaßte,

Aus des nächsten Rumpfes LückeSetzt er's eilig, mit dem Schwerte ^Segnet er das fromme Werk.

Aufersteht ein Riesenbildniß.

Von der Mutter theuren Lippen,Göttlich-unverändert-süßen,

Tönt das grausenvolle Wort:

Sohn, o Sohn! Welch Uebereilen!

Deiner Mutter Leichnam dorten,

Neben ihm das freche HauptDer Verbrecherin, des OpfersWaltender Gerechtigkeit!

Mich nun hast du ihrem KörperEingeimpft auf ewige Tage;

Weisen Wollens, wilden HandelnsWerd' ich unter Göttern seyn.

Ja des Himmelsknaben Bildniß