60
Elegien.
Und so gleichen wir ench, o Römische Sieger! Den GötternAller Völker der Welt bietet ihr Wohnungen an,
Habe sie schwarz und streng aus altem Basalt der Acgyptcr,Oder ein Grieche sie weiß, reizend, aus Marmor geformt.
Doch verdrießet es nicht die Ewigen, wenn wir besondersWeihrauch köstlicher Art Einer der Göttlichen streun.
Ja, wir bekennen ench gern, es bleiben unsre Gebete,
Unser täglicher Dienst Einer besonders geweiht.
Schalkhaft munter und ernst begehen wir heimliche Feste,
Und das Schweigen geziemt allen Geweihten genau.
Eh' an die Ferse lockten wir selbst, durch gräßliche Thaten,
Uns die Erinnycn her, wagten es eher des Zeus
Hartes Gericht am rollenden Rad und am Felsen zu dulden,Als dem reizenden Dienst unser Gemüth zu entziehn.
Diese Göttin, sie heißt Gelegenheit; lernet sie kennen!
Sie erscheinet euch oft, immer in andrer Gestalt.
Tochter des Proteus möchte sie seyn, mit Thetis gezeuget,
Deren verwandelte List manchen Heroen betrog.
So betrügt nun die Tochter den Unerfahrnen, den Blöden;Schlummernde necket sie stets, Wachende fliegt sie vorbei;
Gern ergiebt sie sich nur dem raschen thätigen Manne;
Dieser findet sie zahm, spielend und zärtlich und hold.
Einst erschien sie auch mir, ein bräunliches Mädchen, die HaareFielen ihr dunkel und reich über die Stirne herab,
Kurze Locken ringelten sich um's zierliche Hälschcn,Angeflochtenes Haar krauste vorn Scheitel sich auf.
Und ich verkannte sie nicht, ergriff die Eilende, lieblichGab sie Umarmung und Kuß bald mir gelehrig zurück.
O wie war ich beglückt! — Doch stille, die Zeit ist vorüber,Und umwunden bin ich, Römische Flechten, von euch.
V.
Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert;
Vor - und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Hier befolg' ich den Rath, durchblättre die Werke der AltenMit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd' ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.Und belehr' ich mich nicht, indem ich des lieblichen BusensFormen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?
Dann versteh' ich den Marmor erst recht; ich denk' und vergleiche,Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich niir einige Stunden des Tages,Giebt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen;
Ueberfällt sie der Schlaf, lieg' ich und denke mir viel.
Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet,
Und des Hexameters Maaß leise mit fingernder HandIhr auf dem Rücken gezählt. Sie athmet in lieblichem SchlummerUnd es durchglühet ihr Hauch mir bis in's Tiefste die Brust.Amor schüret die Lamp' indeß und denket der Zeiten,
Da er den nämlichen Dienst seinen Trinmvirn gethan.
VI.
„Kannst du, o Grausamer! mich in solchen Worten betrüben?
Reden so bitter und hart liebende Männer bei ench?
Wenn das Volk mich verklagt, ich muß es dulden! und bin ichEtwa nicht schuldig? Doch, ach! schuldig nur bin ich mit dir!Diese Kleider, sie sind der neidischen Nachbarin Zeugen,
Daß die Wittwe nicht mehr einsam den Gatten beweint.
Bist du ohne Bedacht nicht oft bei Mondschein gekommen,
Grau, im dunkeln Sürtont, hinten gerundet das Haar?
Hast du dir scherzend nicht selbst die geistliche Maske gewählet?
Soll's ein Prälate denn seyn! gut, der Prälate bist du.
In dem geistlichen Rom, kaum scheint es zn glauben, dochschwör' ich:
Nie hat ein Geistlicher sich meiner Umarmung gefreut.
Arm war ich leider! und jung, und wohl bekannt den Verführern.
Falconieri hat mir oft in die Augen gegafft,
Und ein Kuppler Albani's mich, mit gewichtigen Zetteln,
Bald nach Ostia, bald nach den vier Brunnen gelockt.
Aber wer nicht kam, war das Mädchen. So hab' ich vonHerzen
Rothstrumpf immer gehaßt und Violetstrnmpf dazu.
Denn „ihr Mädchen bleibt am Ende doch die Betrognen,"Sagte der Vater, wenn auch leichter die Mutter es nahm.Und so bin ich denn auch am Ende betrogen! Du zürnestNur zum Scheine mit mir, weil du zu fliehen gedenkst.
Geh! Ihr seyd der Frauen nicht werth! Wir tragen die KinderUnter dem Herzen, und so tragen die Treue wir auch;
Aber ihr Männer, ihr schüttet mit eurer Kraft und BegierdeAuch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!"
Also sprach die Geliebte und nahm den Kleinen vom Stuhle,Drückt' ihn küssend an's Herz, Thränen entquollen dem Blick.Und wie saß ich beschämt, daß Reden feindlicher MenschenDieses liebliche Bild mir zu beflecken vermocht!
Dunkel brennt das Feuer nur augenblicklich und dampfet,
Wenn das Wasser die Gluth stürzend und jählings verhüllt;Aber sie reinigt sich schnell, verjagt die trübenden Dämpfe,Neuer und mächtiger dringt leuchtende Flamme hinauf.
VII.
O wie fühl' ich in Rom mich so froh! gedenk' ich der Zeiten,
Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing,
Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte,Färb- und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag,
Und ich über mein Ich, des unbefriedigten GeistesDüstre Wege zu spähn, still in Betrachtung versank.
Nun umleuchtet der Glanz des helleren Aethers die Stirne;Phöbus rufet, der Gott, Formen und Farben hervor.
Sternhell glänzet die Nacht, sie klingt von weichen Gesängen,Und mir leuchtet der Mond Heller als nordischer Tag.
Welche Seligkeit ward mir Sterblichem! Träum'ich? EmpfingetDein ambrosisches Haus, Jupiter Vater, den Gast?
Ach! hier lieg' ich, und strecke nach deinen Knieen die HändeFlehend aus. O vernimm, Jupiter Lenins, mich!
Wie ich hereingekommen, ich kann's nicht sagen; es faßteHebe den Wandrer, und zog mich in die Hallen heran.