Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Elegien. 61

Hast du ihr einen Heroen herauf zu führen geboten?

Irrte die Schöne? Vergieb! Laß mir des Irrthums Gewinn IDeine Tochter Fortuna sie auch! Die herrlichsten GabenTheilt als ein Mädchen sie aus, wie es die Laune gebeut.

Bist du der wirthliche Gott? O dann so verstoße den GaftfreuudNicht von deinem Olymp wieder zur Erde hinab!

„Dichter! wohin versteigest du dich?" — Vergieb mir; der hoheCapitolinische Berg ist dir ein zweiter Olymp.

Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später,Cestius' Mal vorbei, leise zum Orcus hinab.

VIII.

Wenn du mir sagst, du habest als Kind, Geliebte, den MenschenNicht gefallen, und dich habe die Mutter verschmäht,

Bis du größer geworden und still dich entwickelt; ich glaub' es:

Gerne denk' ich mir dich als ein besonderes Kind.

Fehlet Bildung und Farbe doch auch der Blüthe des Weinstocks,Wenn die Beere, gereift, Menschen und Götter entzückt.

IX.

Herbstlich leuchtet die Flamme vom ländlich geselligen Herde,Knistert und glänzet, wie rasch! sausend vom Reisig empor.Diesen Abend erfreut sie mich mehr; denn eh' noch zur KohleSich das Bündel verzehrt, unter die Asche sich neigt,

Kommt mein liebliches Mädchen. Dann flammen Reisig undScheite,

Und die erwärmete Nacht wird uns ein glänzendes Fest.Morgen frühe geschäftig verläßt sie das Lager der Liebe,

Weckt aus der Asche behend Flammen aus's neue hervor.Denn vor andern verlieh der Schmeichlerin Amor die Gabe,Freude zu wecken, die kaum still wie zu Asche versank.

X.

Alexander und Cäsar und Heinrich und Friedrich, die Großen,Gäben die Hälfte mir gern ihres erworbenen Ruhms,Könnt' ich auf Eine Nacht dieß Lager Jedem vergönnen;

Aber die Armen, sie hält strenge des Orcus Gewalt.

Freue dich also, Lebend'ger, der lieberwärmeten Stätte,

Ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir netzt.

XI.

Euch, o Grazien, legt die wenigen Blätter ein DichterAuf den reinen Altar, Knospen der Rose dazu,

Und er thut es getrost. Der Künstler freuet sich seinerWerkstatt, wenn sie um ihn immer ein Pantheon scheint.Jupiter senket die göttliche Stirn', und Juno erhebt sie;

Phöbus schreitet hervor, schüttelt das lockige Haupt;Trocken schauet Minerva herab, und Hermes, der leichte,Wendet zur Seite den Blick, schallisch und zärtlich zugleich.

Aber nach Bacchus, dem weichen, dem träumenden, hebet CythereBlicke süßer Begier, selbst in dem Marmor noch feucht.Seiner Umarmung gedenket sie gern und scheinet zu fragen:Sollte der herrliche Sohn uns an der Seite nicht stehn?

XII.

Hörest du, Liebchen, das muntre Geschrei den Flaminischen-Weg her?

Schnitter sind es; sie ziehn wieder nach Hause zurück,

Weit hinweg. Sie haben des Römers Ernte vollendet,

Der für Ceres den Kranz selber zu flechten verschmäht.

Keine Feste sind mehr der großen Göttin gewidmet,

Die, statt Eicheln, zur Kost goldenen Weizen verlieh.

Laß uns beide das Fest im Stillen freudig begehen!

Sind zwei Liebende doch sich ein versammeltes Volk.

Hast du wohl je gehört von jener mystischen Feier,

Die von Eleusis hieher frühe dem Sieger gefolgt?

Griechen stifteten sie, und immer riefen nur Griechen,

Selbst in den Mauern Nom's: „ Kommt zur geheiligten Nacht!"Fern entwich der Profane; da bebte der wartende Neuling,

Den ein weißes Gewand, Zeichen der Reinheit, umgab.Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch KreiseSeltner Gestalten; im Traum schien er zu wallen: denn hierWanden sich Schlangen am Boden umher, verschlossene Kästchen,Reich mit Achren umkränzt, trugen hier Mädchen vorbei,Vielbedeutend gebärdeten sich die Priester, und summten,Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.

Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.

Und was war das Geheimniß! als daß Demeter, die große,Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt,

Als sie dem Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter,

Ihres unsterblichen Leib's holdes Verborgne gegönnt.

Da war Kreta beglückt! das Hochzeitbette der GöttinSchwoll von Aehren, und reich drückte den Acker die Saat.Aber die übrige Welt verschmachtete; denn es versäumteUeber der Liebe Genuß Ceres den schönen Beruf.

Voll Erstaunen vernahm der Eingeweihte das Mährchen,

Winkte der Liebsten — Verstehst du nun, Geliebte, den Wink?Jene buschige Myrte beschattet ein heiliges Plätzchen!

Unsre Zufriedenheit bringt keine Gefährde der Welt.

XIII.

Amor bleibet ein Schalk, und wer ihm vertraut, ist betrogen!

Heuchelnd kam er zu mir: „Dießmal nur traue mir noch.Redlich mein' ich's mit dir, du hast dein Leben und Dichten,Dankbar erkenn' ich es wohl, meiner Verehrung geweiht.Siehe, dir bin ich nun gar nach Rom gefolget; ich möchteDir im fremden Gebiet gern was Gefälliges thun.

Jeder Reisende klagt, er finde schlechte Bewirthung;

Welchen Amor empfiehlt, köstlich bewirthet ist er.

Du betrachtest mit Staunen die Trümmern alter Gebäude,Und durchwandelst mit Sinn diesen geheiligten Raum.