Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Elegien.

63

Schleichend eilt' ich hinaus!O, welch ein Irrthum ergriff dich! >Eine Scheuche nur war's, was dich vertrieb! Die GestaltFlickten wir emsig zusammen aus alten Kleidern und Rohren; !

Emsig half ich daran, selbst mir zu schaden bemüht.

Nun, des Alten Wunsch ist erfüllt; den losesten VogelScheucht' er heute, der ihm Gürtchen und Nichte bestiehlt."

XVII.

Manche Töne sind mir Verdruß, doch bleibet am meistenHundegebell mir verhaßt; kläffend zerreißt es mein Ohr.Einen Hund nur hör' ich sehr oft mit frohem BehagenBellend kläffen, den Hund, den sich der Nachbar erzog.

Denn er bellte mir einst mein Mädchen an, da sie sich heimlichZu mir stahl, und verrieth unser Geheimniß beinah.

Jetzo, hör' ich ihn bellen, so denk' ich nur immer, sie kommt wohl!Oder ich denke der Zeit, da die Erwartete kam.

XVIII.

Eines ist mir verdrießlich vor allen Dingen, ein andresBleibt mir abscheulich, empört jegliche Faser in mir;

Nur der bloße Gedanke. Ich will es euch, Freunde, gestehen:Gar verdrießlich ist mir einsam das Lager zu Nacht.

Aber ganz abscheulich ist's, auf dem Wege der LiebeSchlangen zu fürchten, und Gift unter den Rosen der Lust,

Wenn im schönsten Moment der hin sich gebenden FreudeDeinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht.

Darum macht Faustine mein Glück; sie theilet das LagerGerne mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen genau.

Reizendes Hinderniß will die rasche Jugend; ich liebe,

Mich des versicherten Guts lange bequem zu erfreun.

Welche Seligkeit ist's! wir wechseln sichere Küsse,

Athem und Leben getrost saugen und flößen wir ein.

So erfreuen wir uns der laugen Nächte, wir lauschen,

Busen an Busen gedrängt, Stürmen und Regen und Guß.

Und so dämmert der Morgen heran; es bringen die StundenNeue Blumen herbei, schmücken uns festlich den Tag.

Gönnet mir, o Quiriten! das Glück, und Jedem gewähreAller Güter der Welt erstes und letztes der Gott!

XIX.

Schwer erhalten wir uns den guten Namen; denn FamaSteht mit Amorn, ich weiß, meinem Gebieter, im Streit.Wißt auch ihr, woher es entsprang, daß beide sich hassen?

Alte Geschichten sind das, und ich erzähle sie wohl.

Immer die mächtige Göttin, doch war sie für die GesellschaftUnerträglich; denn gern führt sie das herrschende Wort.Und so war sie von je, bei allen Göttergelagen,

Mit der Stimme von Erz, Großen und Kleinen verhaßt.So berühmte sie einst sich übermüthig, sie habeJovis herrlichen Sohn ganz sich zum Sklaven gemacht.Meinen Hercules führ' ich dereinst, o Vater der Götter,"Ries triumphirend sie aus,wiedergeboren dir zu.

Hercules ist es nicht mehr, den dir Alkmene geboren;

Seine Verehrung für mich macht ihn auf Erden zum Gott.Schaut er nach dem Olymp, so glaubst du, er schaue nach deinenMächtigen Knieen; vergieb! nur in den Aether nach mirBlickt der würdigste Mann; nur mich zu verdienen durchschreitetLeicht sein mächtiger Fuß Bahnen, die keiner betrat.

Aber auch ich begegn' ihm auf seinen Wegen, und preiseSeinen Namen voraus, eh' er die That noch beginnt.

Mich vermählst du ihm einst; der Amazonen BesiegerWerd' auch meiner, und ihn nenn' ich mit Freuden Gemahl!"Alles schwieg; sie mochten nicht gern die Prahlerin reizen:

Denn sie denkt sich, erzürnt, leicht was Gehässiges aus.Amorn bemerkte sie nicht: er schlich bei Seite; den HeldenBracht' er mit weniger Kunst unter der Schönsten Gewalt.Nun vermummt er sein Paar; ihr hängt er die Bürde des LöwenUeber die Schultern, und lehnt mühsam die Keule dazu.Drauf bespickt er mit Blumen des Helden sträubende Haare,Reichet den Rocken der Faust, die sich dem Scherze bequemt.So vollendet er bald die neckische Gruppe; dann läuft er,

Ruft durch den ganzen Olymp:Herrliche Thaten geschehn!Nie hat Erd' und Hiinmel, die unermüdete SonneHat auf der ewigen Bahn keines der Wunder erblickt."

Alles eilte; sie glaubten dem losen Knaben, denn ernstlichHatt' er gesprochen; und auch Fama, sie blieb nicht zurück.Wer sich freute, den Mann so tief erniedrigt zu sehen,

Denkt ihr! Juno. Es galt Amorn ein freundlich Gesicht.Fama daneben, wie stand sie beschämt, verlegen, verzweifelnd!

Anfangs lachte sie nur:Masken, ihr Götter, sind das!Meinen Helden, ich kenn' ihn zu gut! Es haben TragödenUns zum Besten!" Doch bald sah sie mit Schmerzen, erwar's!

Nicht den tausendsten Theil verdroß es Vulkanen, sein WeibchenMit dem rüstigen Freund unter den Maschen zu sehn,

Als das verständige Netz im rechten Moment sie umfaßte,

Rasch die Berschlungnen umschlang, fest die Genießenden hielt.Wie sich die Jünglinge freuten! Mercur und Bacchus! Sie beideMußten gestehn: es sey, über dem Busen zu ruhnDieses herrlichen Weibes, ein schöner Gedanke. Sie baten:

Löse, Vulkan, sie noch nicht! Laß sie noch einmal besehn.

Und der Alte war so Hahnrei, und hielt sie nur fester.

Aber Fama, sie floh rasch und voll Grimmes davon.

Seit der Zeit ist zwischen den Zweien der Fehde nicht Stillstand;

Wie sie sich Helden erwählt, gleich ist der Knabe darnach.

Wer sie am höchsten verehrt, den weiß er am besten zu fassen,Und den Sittlichsten greift er am gefährlichsten an.

Will ihm Einer entgehn, den bringt er vom Schlimmen in'sSchlimmste.

Mädchen bietet er an; wer sie ihm thöricht verschmäht,

Muß erst grimmige Pfeile von seinem Bogen erdulden;

Mann erhitzt er auf Mann, treibt die Begierden auf's Thier.Wer sich seiner schämt, der muß erst leiden; dem HeuchlerStreut er bittern Genuß unter Verbrechen und Noth.

Aber auch sie, die Göttin, verfolgt ihn mit Augen und Ohren;

Sieht sie ihn einmal bei dir, gleich ist sie feindlich gesinnt,Schreckt dich mit ernstem Blick, verachtenden Mienen, und heftigStrenge verruft sie das Haus, das er gewöhnlich besucht.

Und so geht es auch mir: schon leid' ich ein wenig; die Göttin,Eifersüchtig, sie forscht meinem Geheimnisse nach.