Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Elegien.

Du verehrtest noch mehr die werthen Reste des BildensEinziger Künstler, die stets ich in der Werkstatt besucht.

Diese Gestalten, ich formte sie selbst! Verzeih mir, ich PrahleDießmal nicht; du gestehst, was ich dir sage, sey wahr.

Nun du mir lässiger dienst, wo sind die schönen Gestalten,

Wo die Farben, der Glanz deiner Erfindungen hin?

Denkst du nun wieder zu bilden, o Freund? Die Schule derGriechen

Blieb noch offen, das Thor schloffen die Jahre nicht zu.

Ich, der Lehrer, bin ewig jung, und liebe die Jungen.

Altklug lieb' ich dich nicht! Munter! Begreife mich wohl!

War das Antike doch neu, da jene Glücklichen lebten!

Lebe glücklich, und so lebe die Vorzeit in dir!

Stoff zum Liede, wo nimmst du ihn her? Ich muß dir ihn geben,Und den höheren Styl lehret die Liebe dich nur."

Also sprach der Sophist. Wer widersprach' ihm? und leiderBin ich zu folgen gewöhnt, wenn der Gebieter befiehlt. —Nun, verrätherisch hält er sein Wort, giebt Stoff zu Gesängen,Ach! und raubt mir die Zeit, Kraft und Besinnung zugleich;Blick und Händedruck, und Küsse, gemüthliche Worte,

Sylben köstlichen Sinns wechselt ein liebendes Paar.

Da wird Lispeln Geschwätz, wird Stottern liebliche Rede:

Solch ein Hymnus verhallt ohne prosodisches Maaß.

Dich, Aurora, wie kannt' ich dich sonst als Freundin der Musen!

Hat, Aurora, dich auch Amor, der lose, verführt?

Du erscheinest mir nun als seine Freundin, und weckestMich an seinem Altar wieder zum festlichen Tag.

Find' ich die Fülle der Locken an meinem Busen! das KöpfchenRuhet und drucket den Arm, der sich dem Halse bequemt.Welch ein freudig Erwachen erhieltet ihr, ruhige Stunden,

Mir das Denkmal der Lust, die in den Schlaf uns gewiegt! —Sie bewegt sich im Schlummer, und sinkt auf die Breite des LagersWeggewendet; und doch läßt sie mir Hand noch in Hand.Herzliche Liebe verbindet uns stets und treues Verlangen,

Und den Wechsel behielt nur die Begierde sich vor.

Einen Druck der Hand, ich sehe die himmlischen AugenWieder offen. — O nein! laßt auf der Bildung mich ruhn!Bleibt geschlossen! Ihr macht mich verwirrt und trunken, ihrraubetMir den stillen Genuß reiner Betrachtung zu früh.

Diese Formen wie groß! wie edel gewendet die Glieder!

Schlief Ariadne so schön, Theseus, du konntest entfliehn?

' Diesen Lippen ein einziger Kuß! O Theseus, nun scheide!

Blick' ihr in's Auge! sie wacht! — Ewig nun hält sie dich fest.

XIV.

Zünde mir Licht an, Knabe! — „Noch ist es hell. Ihr verzehretOel und Docht nur umsonst. Schließet die Läden doch nicht!Hinter die Häuser entwich, nicht hinter den Berg, uns die Sonne!

Ein halb Stündchen noch währt's bis zum Geläute der Nacht."Unglückseliger! geh' und gehorch'! Mein Mädchen erwart' ich;Tröste mich, Lämpchen, indeß, lieblicher Bote der Nacht!

XV.

Cäsarn wär' ich wohl nie zu fernen Britannen gefolget,Florus hätte mich leicht in die Popine geschleppt!

Denn mir bleiben weit mehr die Nebel des traurigen Nordens,Als ein geschäftiges Volk südlicher Flöhe verhaßt.

Und noch schöner von heut an seyd mir gegrüßet, ihr Schenken,Osterien, wie euch schicklich der Römer benennt;

Denn ihr zeigtet mir heute die Liebste, begleitet vom Oheim,

Den die Gute so oft, mich zu besitzen, betrügt.

Hier stand unser Tisch, den Deutsche vertraulich umgaben;

Drüben suchte das Kind neben der Mutter den Platz,

Rückte vielmals die Bank, und wußt' es artig zu machen,

Daß ich halb ihr Gesicht, völlig den Nacken gewann.

Lauter sprach sie, als hier die Römerin Pfleget, credenzte,

Blickte gewendet nach mir, goß und verfehlte das Glas.

Wein floß über den Tisch, und sie, mit zierlichem Finger,

Zog auf dem hölzernen Blatt Kreise der Feuchtigkeit hin.Meinen Namen verschlang sie dem ihrigen; immer begierigSchaut' ich dem Fingerchen nach, und sie bemerkte mich wohl.Endlich zog sie behende das Zeichen der römischen FünfeUnd ein Strichlein davor. Schnell, und sobald ich's gesehn,Schlang sie Kreise durch Kreise, die Lettern und Ziffern zu löschen;

Aber die köstliche Vier blieb mir in's Auge geprägt.

Stumm war ich sitzen geblieben, und biß die glühende LippeHalb aus Schalkheit und Lust, halb aus Begierde mir wund.Erst noch so lauge bis Nacht! dann noch vier Stunden zu warten!

Hohe Sonne, du weilst und du beschauest dein Rom.Größeres sahest du nichts und wirst nichts Größeres sehen,

Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung versprach.

Aber heute verweile mir nicht, und wende die BlickeVon dem Siebengebirg früher und williger ab!

Einem Dichter zu Liebe verkürze die herrlichen Stunden,

Die mit begierigem Blick selig der Maler genießt;

Glühend blicke noch schnell zu diesen hohen Fayaden,

Kuppeln und Säulen zuletzt und Obelisken herauf;

Stürze dich eilig in's Meer, um morgen früher zu sehen,

Was Jahrhunderte schon göttliche Lust dir gewährt:

Diese feuchten mit Rohr so lange bewachs'nen Gestade,

Diese mit Bäumen und Busch düster beschatteten Höhn.Wenig Hütten zeigten sie erst; dann sahst du auf einmalSie vom wimmelnden Volk glücklicher Räuber belebt.

Alles schleppten sie drauf an diese Stätte zusammen;

Kaum war das übrige Rund deiner Betrachtung noch werth.Sahst eine Welt hier entstehn, sahst dann eine Welt hier inTrümmern,

Aus den Trümmern auf's neu fast eine größere Welt!

Daß ich diese noch lange, von dir beleuchtet, erblicke,

Spinne die Parze mir klug langsam den Faden herab;

Aber sie eile herbei, die schön bezeichnete Stunde! —

Glücklich! Hör' ich sie schon? Nein, doch ich höre schon Drei.So, ihr lieben Musen, betrogt ihr wieder die LängeDieser Weile, die mich von der Geliebten getrennt.

Lebet wohl! Nun eil' ich, und fürcht' euch nicht zu beleid'gen;Denn ihr Stolzen, ihr gebt Amorn doch immer den Rang.

XVI.

„Warum bist du, Geliebter, nicht heute zur Vigne gekommen?

Einsam, wie ich versprach, wartet' ich oben auf dich." —Beste, schon war ich hinein: da sah ich zum Glücke den OheimNeben den Stöcken, bemüht hin sich und her sich zu drehn.