Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Blider so wie LeidenschaftenMögen gern am Liede hasten.

Älexis und Dora.

Ach! unaufhaltsam strebet das Schiff mit jedem MomenteDurch die schäumende Fluth weiter und weiter hinaus!Langhin furcht sich die Gleise des Kiels, worin die DelphineSpringend folgen, als flöh' ihnen die Beute davon.

Alles deutet auf glückliche Fahrt: der ruhige BootsmannRuckt am Segel gelind, das sich für alle bemüht;

Vorwärts dringt der Schiffenden Geist, wie Flaggen undWimpel;

Einer nur steht rückwärts traurig gewendet am Mast,

Sieht die Berge schon blau, die scheidenden, sieht in das Meer sieNiedersinken, es sinkt jegliche Freude vor ihm.

Auch dir ist es verschwunden, das Schiff, das deinen Alexis,Dir, o Dora, den Freund, ach! dir den Bräutigam raubt.Auch du blickest vergebens nach mir. Noch schlagen die HerzenFür einander, doch, ach! nun an einander nicht mehr.Einziger Augenblick, in welchem ich lebte! du wiegestAlle Tage, die sonst kalt mir verschwindenden, auf.

Ach! nur im Augenblick, im letzten, stieg mir ein Leben,Unvermuthet in dir, wie von den Göttern, herab,

Nur umsonst verklärst du mit deinem Lichte den Aether;

Dein allleuchtender Tag, Phöbus, mir ist er verhaßt.

In mich selber kehr' ich zurück; da will ich im StillenWiederholen die Zeit, als sie mir täglich erschien.

War es möglich, die Schönheit zu sehn und nicht zu empfinden?

Wirkte der himmlische Reiz nicht auf dein stumpfes Gemüth?Klage dich, Armer, nicht an! — So legt der Dichter ein Räthsel,Künstlich mit Worten verschränkt, oft der Versammlung in'sOhr.

Jeden freuet die seltne, der zierlichen Bilder Verknüpfung,

Aber noch fehlte das Wort, das die Bedeutung verwahrt.

Ist es endlich entdeckt, dann heitert sich jedes Gemüth auf,

Und erblickt im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn.

Ach, warum so spät, o Amor, nahmst du die Binde,

Die du um's Aug' mir geknüpft, nahmst sie zu spät mir hinweg!Lange schon harrte befrachtet das Schiff auf günstige Lüfte;Endlich strebte der Wind, glücklich, vom Ufer in's Meer.Goethe, Werke. I.

Leere Zeiten der Jugend! und leere Träume der Zukunft!

Ihr verschwindet, es bleibt einzig die Stunde mir nur.

Ja, sie bleibt, es bleibt mir das Glück! ich halte dich, Dora!

Und die Hoffnung zeigt, Dora, dein Bild mir allein.

Oester sah ich zum Tempel dich gehn, geschmückt und gesittet,Und das Mütterchen ging feierlich neben dir her.

Eilig warst du und frisch, zu Markte die Früchte zu tragen;

Und vom Brunnen, wie kühn! wiegte dein Haupt das Gefäß.Da erschien dein Hals, erschien dein Nacken vor allen,

Und vor allen erschien deiner Bewegungen Maaß.

Oftmals hab' ich gesorgt, es möchte der Krug dir entstürzen;

Doch er hielt sich stät auf dem geringelten Tuch.

Schöne Nachbarin, ja, so war ich gewohnt dich zu sehen,

Wie man die Sterne sieht, wie man den Mond sich beschaut,Sich an ihnen erfreut, und innen im ruhigen BusenNicht der entfernteste Wunsch, sie zu besitzen, sich regt.

Jahre, so gingt ihr dahin! Nur zwanzig Schritte getrennetWaren die Häuser, und nie hab' ich die Schwelle berührt.Und nun trennt uns die gräßliche Fluth! Du lügst nur den Himmel,Welle! dein herrliches Blau ist mir die Farbe der Nacht.

Alles rührte sich schon; da kam ein Knabe gelaufenAn mein väterlich Haus, rief mich zum Strande hinab.Schon erhebt sich das Segel, es flattert im Winde, so sprach er,Und gelichtet, mit Kraft, trennt sich der Anker vom Sand;Komm, Alexis, o komm! Da drückte der wackere Vater,Würdig, die segnende Hand mir auf das lockige Haupt;Sorglich reichte die Mutter ein nachbereitetes Bündel.

Glücklich kehre zurück! riefen sie, glücklich und reich!

Und so sprang ich hinweg, das Bllndelchen unter dem Arme,

An der Mauer hinab, fand an der Thüre dich stehnDeines Gartens. Du lächeltest mir und sagtest: Alexis!

Sind die Lärmenden dort deine Gesellen der Fahrt?

Fremde Küsten besuchest du nun, und köstliche WaarenHandelst du ein, und Schmuck reichen Matronen der Stadt.Aber bringe mir auch ein leichtes Keuchen; ich will esDankbar zahlen: so oft hab' ich die Zierde gewünscht!

Stehen war ich geblieben, und fragte, nach Weise des Kaufmanns,Erst nach Form und Gewicht deiner Bestellung genau.

S