Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Epigramme,

75

30 .

Schöne Kinder tragt ihr, und steht mit verdeckten Gesichtern,Bettelt: das heißt, mit Macht reden an's männliche Herz.Jeder wünscht sich ein Knäbchen, wie ihr das durstige zeiget,

Und ein Liebchen, wie man's unter dem Schleier sich denkt.

31 .

Das ist dein eigenes Kind nicht, worauf du bettelst, und rührstmich.

O, wie rührt mich erst die, die mir mein eigenes bringt!

32 .

Warum leckst du dein Mäulchen, indem du mir eilig begegnest?Wohl, dein Züngelchen sagt mir, wie gesprächig es sey.

33 .

Sämmtliche Künste lernt und treibet der Deutsche; zu jederZeigt er ein schönes Talent, wenn er sie ernstlich ergreift.

Eine Kunst nur treibt er, und will sie nicht lemen, die Dichtkunst.Darum Pfuscht er auch so; Freunde, wir haben's erlebt.

34 .

Ost erklärtet ihr euch als Freunde des Dichters, ihr Götter;

Gebt ihm auch, was er bedarf! Mäßiges braucht er, doch viel:Erstlich freundliche Wohnung, dann leidlich zu essen, zu trinkenGut; der Deutsche versteht sich auf den Nektar, wie ihr.

Dann geziemende Kleidung und Freunde, vertraulich zu schwatzen;

Dann ein Liebchen des Nachts, das ihn von Herzen begehrt.Diese fünf natürlichen Dinge verlang' ich vor allem.

Gebet mir ferner dazu Sprachen, die alten und neu'n,

Daß ich der Völker Gewerb' und ihre Geschichten vernehme;

Gebt mir ein reines Gefühl, was sie in Künsten gethan.Ansehn gebt mir im Volke, verschafft bei Mächtigen Einfluß,Oder was sonst noch bequem unter den Menschen erscheint;Gut schon dank' ich euch, Götter; ihr habt den glücklichstenMenschen

Ehsteus fertig: denn ihr gönntet das Meiste mir schon.

36 .

Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;

Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag.Aber so wende nach innen, so wende nach außen die KräfteJeder; da wär's ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu seyn.Doch was priesest du Ihn, den Thaten und Werke verkünden?

Und bestochen erschien deine Verehmng vielleicht;

Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren,Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.Niemand braucht' ich zu danken als Ihm, und Manches be-durft' ich,

Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?

Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen,England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.

Doch was fördert es mich, daß auch sogar der ChineseMalet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein KönigUm mich bekümmert, und Er war mir August und Mäcen.

36 .

Eines Menschen Leben, was ist's? Doch Tausende könnenReden über den Mann, was er und wie er's gethan.

Weniger ist ein Gedicht; doch können es Tausend genießen,Tausende tadeln. Mein Freund, lebe nur, dichte nur fort!

37 .

Müde war ich geworden, nur immer Gemälde zu sehen,Herrliche Schätze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt.

Denn auch dieser Genuß verlangt Erholung und Muße;

Nach lebendigem Reiz suchte mein schmachtender Blick.Gauklerin! da ersah ich in dir zu den Bübchen das Urbild,

Wie sie Johannes Bellin reizend mit Flügeln gemalt,

Wie sie Paul Veronese mit Bechern dem Bräutigam sendet,Dessen Gäste, getäuscht, Wasser genießen für Wein.

38 .

Wie, von der künstlichen Hand geschnitzt, das liebe Figürchen,Weich und ohne Gebein, wie die Molluska nur schwimmt!Alles ist Glied, und Alles Gelenk, und Alles gefällig,

Alles nach Maaßen gebaut, Alles nach Willkür bewegt.Menschen hab' ich gekannt, und Thiere, so Vogel als Fische,Manches besondre Gewürm, Wunder der großen Natur;

Und doch staun' ich dich an, Bettine, liebliches Wunder,

Die du Alles zugleich bist, und ein Engel dazu.

39 .

Kehre nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinaus zu dem Himmel;Jupiter sieht dich, der Schalk, und Ganymed ist besorgt.

40 .

Wende die Füßchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir streckenArme betend empor; aber nicht schuldlos, wie du.

41 .

Seitwärts neigt sich dein Hälschen. Ist das ein Wunder? Esträget

Oft dich Ganze; du bist leicht, nur dem Hälschen zu schwer.Mir ist sie gar nicht zuwider, die schiefe Stellung des Köpfchens;Unter schönerer Last beugte kein Nacken sich je.

42 .

So verwirret mit dumpf willkürlich verwebten Gestalten,Höllisch und trübe gesinnt, Breughel den schwankenden Blick;So zerrüttet auch Dürer mit apokalyptischen Bildern,

Menschen und Grillen zugleich, unser gesundes Gehirn;

So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, CentaurenSingend mit Macht, Neugier in dem verwunderten Ohr;

So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen,Vorwärts glaubet zu gehn, alles veränderlich schwebt:

So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwechselnd;

Doch erfreut sie uns gleich, wenn sie die Sohlen betritt.

43 .

Gern überschreit' ich die Gränze, mit breiter Kreide gezogen.Macht sie Bottegha, das Kind, drängt sie mich artig zurück.

44 .

Ach! mit diesen Seelen, was macht er? Jesus Maria!Bändelchen Wäsche sind das, wie man zum Brunnen sie trägt.