Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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76

Epigramme.

Wahrlich, sie fällt! Ich halt' es nicht aus! Komm, gehn wir!

Wie zierlich!

Sieh nur, wie steht sie! wie leicht! Alles mit Lächeln undLust!"

Altes Weib, du bewunderst mit Recht Bettinen! du scheinst mirJünger zu werden und schön, da dich mein Liebling erfreut.

45 .

Alles seh' ich so gerne von dir; doch seh' ich am liebsten,

Wenn der Vater behend über dich selber dich wirst,

Du dich im Schwung überschlägst und, nach dem tödtlichenSprunge,

Wieder stehest und läufst, eben ob nichts wär' geschehn.

46 .

Schon entrnnzelt sich jedes Gesicht; die Furchen der Mühe,Sorgen und Armuth fliehn, Glückliche glaubt man zu sehn.Dir erweicht sich der Schiffer, und klopft dir die Wange; derSeckel

Thut sich dir kärglich zwar, aber er thut sich doch auf,

Und derBewohnerVenedig's entfaltet den Mantel, und reicht dir,Eben als flehtest du laut bei den Mirakeln Antons,

Bei des Herrn fünf Wunden, dem Herzen der seligsten Jungfrau,Bei der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt.

Jeder kleine Knabe, der Schiffer, der Höke, der BettlerDrängt sich, und freut sich bei dir, daß er ein Kind ist, wie du.

47 .

Dichten ist ein lustig Metier; nur find' ich es theuer:

Wie dieß Büchlein mir wächst, gehn die Zechinen mir fort.

48 .

Welch ein Wahnsinn ergriff dich Müßigen? Hältst du nichtinne?

Wird dies Mädchen ein Buch? Stimme was Klügeres au!"Wartet, ich singe die Könige bald, die Großen der Erde,

Wenn ich ihr Handwerk einst besser begreife, wie jetzt.

Doch Bettinen sing' ich indeß; denn Gaukler und DichterSind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern.

49 .

Böcke, zur Linken mit euch! so ordnet künftig der Richter:

Und ihr Schäfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn!Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagt er:Seyd, Vernünftige, mir grad' gegenüber gestellt!

50 .

Wißt ihr, wie ich gewiß zu Hunderten euch EpigrammeFertige? Führet mich nur weit von der Liebsten hinweg!

51 .

Alle Freiheits-Apostel, sie waren mir immer zuwider;

Willkür suchte doch nur Jeder am Ende für sich.

Willst du Viele befrein, so wag' es Vielen zu dienen.

Wie gefährlich das sey; willst du es wissen? Versuch's!

52 .

Könige wollen das Gute, die Demagogen deßgleichen,

Sagt man; doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie, wiewir.

Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen; wir wissen's:Doch wer verstehet, für uns Alle zu wollen; er zeig's.

53 .

Jeglichen Schwärmer schlagt mir an's Kreuz im dreißigsten Jahre;Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.

54 .

Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögen's bedenken;

Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr.

Große gingen zu Grunde: doch wer beschützte die MengeGegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.

55 .

Tolle Zeiten hab' ich erlebt, und hab' nicht ermangelt,

Selbst auch thöricht zu seyn, wie es die Zeit mir gebot.

56 .

Sage, thun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel betrügen.

Sieh nur, wie ungeschickt, sieh nun, wie wild er sich zeigt!Ungeschickt und wild sind alle rohen Betrognen;

Seyd nur redlich, und so führt ihn zum Menschlichen an.

57 .

Fürsten prägen so oft auf kaum versilbertes KupferIhr bedeutendes Bild; lange betrügt sich das Volk.Schwärmer prägen den Stempel des Geist's auf Lügen undUnsinn;

Wem der Probirstein fehlt, hält sie für redliches Gold.

58 .

Jene Menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen Sprechern,

Die wir in Frankreich laut hören auf Straßen und Markt.Mir auch scheinen sie toll; doch redet ein Toller in FreiheitWeise Sprüche, wenn, ach! Weisheit im Sklaven verstummt.

59 .

Lange haben die Großen der Franzen Sprache gesprochen,

Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde nicht floß:Nun lallt alles Voll entzückt die Sprache der Franken;

Zürnet, Mächtige, nicht! Was ihr verlangtet, geschieht.

60 .

Seyd doch nicht so frech, Epigramme!" Warum nicht? Wirsind nur

Ueberschristen; die Welt hat die Capitel des Buchs.

61 .

Wie dem hohen Apostel ein Tuch voll Thiere gezeigt ward,

Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Büchlein sich dir.

62 .

Ein Epigramm, ob es wohl auch gut sey? Kannst du's ent-scheiden?

Weiß man doch eben nicht stets, was er sich dachte, der Schall.

63 .

Um so gemeiner es ist, und näher dem Neide, der Mißgunst;Um so eher begreifst du das Gedichtchen gewiß.

64 .

Chloe schwöret, sie liebt mich; ich glaub's nicht. Aber sie liebtdich!

Sagt mir ein Kenner. Schon gut; glaubt' ich's, da wär' esvorbei.