Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Epigramme.

77

65 .

Niemand liebst du, und mich, Philarchos, liebst du so heftig.

Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?

66 .

Jst's denn so großes Geheimniß, was Gott und der Mensch unddie Welt sey?

Nein! Doch niemand hört's gerne; da bleibt es geheim.

67 .

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen DingeDuld' ich mit ruhigem Muth, wie es ein Gott mir gebeut..Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider;

Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und st.

68 .

Längst schon hätt' ich euch gem von jenen Thierchen gesprochen,Die so zierlich und schnell fahren dahin und daher.Schlängelchen scheinen sie gleich, doch viergefiißet; sie laufen,Kriechen und schleichen, und leicht schleppen die Schwänzchensie nach.

Seht, hier sind sie! und hier! Nun sind sie verschwunden! Wosind sie?

Welche Ritze, welch Kraut nahm die Entfliehenden auf?

Wollt ihr mir's künftig erlauben, so nenn' ich die Thierchen La-certen:

Denn ich brauche sie noch oft als gefälliges Bild.

69 .

Wer Lacerten gesehn, der kann sich die zierlichen MädchenDenken, die über den Platz fahren dahin und daher.

Schnell und beweglich sind sie, und gleiten, stehen und schwatzen,Und es rauscht das Gewand hinter den eilenden drein.

Sieh, hier ist sie! und hier! Verlierst du sie einmal, so suchst duSie vergebens; so bald kommt sie nicht wieder hervor.

Wenn du aber die Winkel nicht scheust, nicht Gäßchen und Trepp-ten,

Folg' ihr, wie sie dich lockt, in die Spelunke hinein!

70 .

Was Spelunke nun sey, verlangt ihr zu wissen? Da wird jaFast zum Lexikon dieß epigrammatische Buch.

Dunkele Häuser sind's in engen Gäßchen; zum KaffeeFührt dich die Schöne, und sie zeigt sich geschäftig, nicht du.

71 .

Zwei der feinsten Lacerten, sie hielten sich immer zusammen;

Eine beinahe zu groß, eine beinahe zu klein.

Siehst du beide zusammen, so wird die Wahl dir unmöglich;Jede besonders, sie schien einzig die Schönste zu seyn.

72 .

Heilige Leute, sagt man, sie wollten besonders dem SünderUnd der Sünderin wohl. Geht's mir doch eben auch so.

73 .

Wär' ich ein häusliches Weib, und hätte was ich bedürfte,

Treu seyn wollt' ich und froh, herzen und küssen den Mann.So sang, unter andern gemeinen Liedern, ein DirnchenMir in Venedig, und nie hört' ich ein frömmer Gebet.

74 .

Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben;Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.

75 .

Frech wohl bin ich geworden; es ist kein Wunder. Ihr, Götter,Wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und treu.

76 .

Hast du nicht gute Gesellschaft gesehn? Es zeigt uns dein BüchleinFast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist.

Gute Gesellschaft hab' ich gesehn, man nennt sie die gute,

Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit giebt.

77 .

Was mit mir das Schicksal gewollt? Es wäre verwegen,

Das zu fragen; denn meist will es mit Vielen nicht viel.

Einen Dichter zu bilden, die Absicht wär' ihm gelungen,

Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.

78 .

Mit Botanik giebst du dich ab? mit Optik? Was thust du?

Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz?

Ach, die zärtlichen Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rühren;Sey es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!

79 .

Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manchesHat er euch weis gemacht, das ihr ein Säculum glaubt.

80 .

Alles erklärt sich Wohl," so sagt mir ein Schüler,aus jenenTheorien, die uns weislich der Meister gelehrt."

Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tüchtig gezimmert,

Paßt ein lebendiger Leib freilich zur Strafe daran.

81 .

Wenn auf beschwerlichen Reisen ein Jüngling zur Liebsten sichwindet,

Hab' er dieß Büchlein: es ist reizend und tröstlich zugleich;

Und erwartet dereinst ein Mädchen den Liebsten, sie halteDieses Büchlein, und nur, kommt er, so werfe sie's weg.

82 .

Gleich den Winken des Mädchens, des eilenden, welche verstohlenIm Vorbeigeht! nur freundlich mir streifet den Arm,

So vergönnt, ihr Musen, dem Reisenden kleine Gedichte:

O, behaltet dem Freund größere Gunst noch bevor!

83 .

Wenn, in Wolken und Dünste verhüllt, die Sonne nur trübeStunden sendet, wie still wandeln die Pfade wir fort!Dränget Regen den Wandrer, wie ist uns des ländlichen DachesSchirm willkommen! Wie sanft ruht sich's in stürmischer Nacht!Aber die Göttin kehret zurück; schnell scheuche die NebelVon der Stirne hinweg! gleiche der Mutter Natur!

84 .

Willst du mit reinem Gefühl der Liebe Freuden genießen,

O, laß Frechheit und Ernst ferne vom Herzen dir seyn.

Die will Amorn verjagen, und der gedenkt ihn zu fesseln;Beiden das Gegentheil lächelt der schelmische Gott.

85 .

Göttlicher Morpheus, umsonst bewegst du die lieblichen Mohne;Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht schließt.