Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

80

Weissagungen deö Bakis.

15 .

Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Räthsel zu lösen:

Denn der prophetische Geist rüst den Verständigen an.

Jene nenn' ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage belehrenLassen; es bringt wohl der Tag Räthsel und Lösung zugleich.

16 .

Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das VergangneRuht, verblendete Welt, oft als ein Räthsel vor dir.

Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; beidesSchließt an heute sich rein, an ein Vollendetes, an.

17 .

Thun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das WasserUeber Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich.Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohlthat:Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest.

18 .

Sag', was zählst du ? Ich zähle, damit ich die Zehne begreife.Dann ein anderes Zehn, Hundert und Tausend hernach."Naher kommst du dazu, sobald du mir folgest.Und wiedenn?"

Sage zur Zehne: Sey zehn! Dann sind die Tausende dein.

19 .

Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer einher schlug?

Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich sprühend schon aus!Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest vergebens,Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt.

20 .

Einem möcht' ich gefallen! so denkt das Mädchen; den ZweitenFind' ich edel und gut, aber er reizet mich nicht.

Wäre der Dritte gewiß, so wäre mir dieser der Liebste.

Ach, daß der Unbestand immer das Lieblichste bleibt!

21 .

Blaß erscheinest du mir, und todt dem Auge. Wie rufst duAus der innern Kraft, heiliges Leben empor?

Wär' ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen;Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg."

22 .

Zweimal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden in's BrauneBis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt.

Halb errathe das Räthsel! so ist die andere HälfteVöllig dir zu Gebot, daß du die erste bezwingst.

23 .

Was erschrickst du?Hinweg, hinweg mit diesen Gespenstern!

Zeige die Blume mir doch, zeig mir ein Menschengesicht!"Ja, nun seh' ich die Blumen; ich sehe die Menschengesichter.Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst.

! 24 .

Einer rollet daher; es stehen ruhig die Neune:

Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt.

Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu wirken;

Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu seyn.

25 .

Wie viel Aepsel verlangst du für diese Blüthen? Ein Tausend;

Denn der Blüthen sind wohl zwanzig der Tausende hier.

Und von Zwanzig nur Einen, das find' ich billig." Du bistschon

Glücklich, wenn du dereinst Einen von Tausend behältst.

26 .

Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los? so sagte der Gärtner:

Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht,

Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte?Laß sie nur Alle, so frißt Einer den Anderen auf."

27 .

Klingeln hör' ich: es sind die lustigen Schlittengeläute.

Wie sich die Thorheit doch selbst in der Kälte noch rührt!Klingeln hörst du? Mich däucht, es ist die eigene Kappe,

Die sich am Ofen dir leis' um die Ohren bewegt."

28 .

Seht den Vogel! er fliegt von einem Baume zum andern,Nascht mit geschäftigem Pick unter den Früchten umher.

Frag' ihn, er plappert auch wohl, und wird dir offen versichern,Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt.

29 .

Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße;

Auf die Scheitel gestellt, wird es von jedem verflucht.

Eines kenn' ich, und fest bedruckt es zufrieden die Lippe:

Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der Welt.

30 .

Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Gemeinste;

Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste nun.

Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht tiefer:

Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zu Grund.

31 .

Ein beweglicher Körper er freut mich, ewig gewendetErst nach Norden, und dann ernst nach der Tiefe hinab.

Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den WindenUnd sein ganzes Talent löst sich in Bücklingen auf.

32 .

Ewig wird er euch seyn der Eine, der sich in VieleTheilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige, bleibt.

Findet in Einem die Vielen, empfindet die Viele, wie Einen;Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kunst.