Vier Jahreszeiten.
83
64 .
Alle Blüthen müssen vergehn, daß Früchte beglücken;
Blüthen und Frucht zugleich gebet ihr Musen allein.
55 .
Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrthum.Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.
56 .
Schadet ein Irrthum wohl? Nicht immer! aber das IrrenImmer schadet's. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.
57 .
Fremde Kinder, wir lieben sie nie so sehr als die eignen;Irrthum, das eigne Kind, ist uns dem Herzen so nah.
58 .
Irrthum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher BedürfnißImmer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.
59 .
Gleich sey Keiner dem Andern; doch gleich sey Jeder dem Höchsten.Wie das zu machen? Es sey jeder vollendet in sich.
60 .
Warum will sich Geschmack und Genie so selten vereinen?
Jener fürchtet die Kraft; dieses verachtet den Zaum.
61 .
Fortzupflanzen die Welt sind alle vernünft'gen DiscurseUnvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor.
62 .
Welchen Leser ich wünsche? den Unbefangensten, der mich,
Sich und die Welt vergißt, und in dem Buche nur lebt.
63 .
Dieser ist mir der Freund, der mit mir Strebendem wandelt;Läd't er zum Sitzen mich ein, steh!' ich für heute mich weg.
64 .
Wie beklag' ich es tief, daß diese herrliche Seele,
Werth, mit znm Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift!
65 .
Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die GroschenHinwirft; wahrlich du wirst Krämern und Kindern ein Gott.
66 .
Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im MenschenZu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.
67 .
Auf das empfindsame Volk hab' ich nie was gehalten; es werden,Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.
68 .
Franzthum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehmalsLutherthum es gethan, ruhige Bildung zurück.
69 .
Was in Frankreich vorbei ist, das spielen Deutsche noch immer,Denn der stolzeste Mann schmeichelt dem Pöbel und kriecht.
70 .
„Pöbel! wagst du zu sagen, wo ist der Pöbel?" Ihr machtet,Ging es nach euerm Sinn, gerne die Völker dazu.
71 .
Wo Parteien entsteh», hält jeder sich hüben und drüben;
Viele Jahre vergehn, eh' sie die Mitte vereint.
72 .
„Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst."
73 .
Willst du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes, und halteDich genügsam, und nie blicke nach oben hinauf!
74 .
Wer ist der edlere Mann in jedem Stande? Der stets sichNeiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus.
75 .
Wißt ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache das KleineRecht; der Große begehrt just so das Große zu thun.
76 .
Was ist heilig? Das ist's, was viele Seelen zusammenBindet; bänd' es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz.
77 .
Was ist das Heiligste? Das was heut und ewig die Geister,Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.
78 .
Wer ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer Bürger;Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff.
79 .
Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab' es immer gesehen,Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu seyn.
80 .
Fehlet die Einsicht oben, der gute Wille von unten,
Führt sogleich die Gewalt, oder sie endet den Streit.
81 .
Republiken hab' ich gesehn, und das ist die beste,
Die dem regierenden Theil Lasten, nicht Vortheil, gewährt.
82 .
Bald, es kenne nur Jeder den eigenen, gönne dem AndernSeinen Vortheil, so ist ewiger Friede gemacht.
83 .
Keiner bescheidet sich gern mit dem Theile, der ihm gebühret,Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg.
84 .
Zweierlei Arten giebt es, die treffende Wahrheit zu sagen:Oeffentlich immer dem Volk, immer dem Fürsten geheim.
85 .
Wenn du laut den Einzelnen schiltst, er wird sich versiocken,
, Wie sich die Menge verstockt, wenn du im Ganzen sie lobst.
86 .
Du bist König und Ritter und kannst befehlen m;d streiten:Aber zu jedem Vertrag rufe den Kanzler herbei.
87 .
Klug und thätig und fest, bekannt mit allem, nach obenUnd nach unten gewandt, sey er Minister und bleib's.