Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte

Wie dank' ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft!Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder —

Nicht ganz umsonst reck' ich so meine Glieder:Ich fiihl's! ich schwör's! Noch hab' ich Kraft.

Liebe-iirfniß.

Wer vernimmt mich? ach, wem soll ich's klagen?Wer's vernähme, würd' er mich bedauern?

Ach, die Lippe, die so manche FreudeSonst genossen hat und sonst gegeben,

Ist gespalten und sie schmerzt erbärmlich.

Und sie ist nicht etwa wund geworden,

Weil die Liebste mich zu wild ergriffen,

Hold mich angebissen, daß sie festerSich des Freunds versichernd ihn genösse:

Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen,

Weil nun über Reis und Frost die WindeSpitz und scharf und lieblos mir begegnen.

Und nun soll mir Saft der edlen TraubeMit dem Saft der Bienen, bei dem FeuerMeines Herds vereinigt, Lind'rung schaffen.

Ach, was will das helfen, mischt die LiebeNicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter?

Än seine Spröde.

Siehst du die Pomeranze?

Noch hängt sie an dem Baume;Schon ist der März verflossen,Und neue Blüthen kommen.

Ich trete zu dem Baume,

Und sage: Pomeranze,

Du reife Pomeranze,

Du süße Pomeranze,

Ich schüttle, fühl', ich schüttle —O fall' in meinen Schooß!

Anliegen.

O schönes Mädchen du,

Du mit dem schwarzen Haar,Die du an's Fenster trittst,Auf dem Balköne stehst!

Und stehst du wohl umsonst?O stündest du für michUnd zögst die Klinke los,

Wie glücklich wär' ich da!

Wie schnell spräng' ich hinauf!

die Mnsageten.

Ost in tiefen WinternächtenRief ich an die holden Musen:

„Keine Morgenröthe leuchtetUnd es will kein Tag erscheinen,

Aber bringt zur rechten StundeMir der Lampe fromm Geleuchts,

Daß es, statt Auror' und Phöbus,Meinen stillen Fleiß belebe!"

Doch sie ließen mich im Schlafe,Dumpf und unerquicklich, liegen,

Und nach jedem späten MorgenFolgten ungenutzte Tage.

Da sich nun der Frühling regte,

Sagt' ich zu den Nachtigallen:

„Liebe Nachtigallen schlagetFrüh', o früh'! vor meinem Fenster,Weckt mich aus dem vollen Schlafe,Der den Jüngling mächtig fesselt."

Doch die lieberfllllten SängerDehnten Nachts vor meinem FensterIhre süßen Melodien,

Hielten wach die liebe Seele,

Regten zartes neues SehnenAus dem neugcrührten Busen.

Und so ging die Nacht vorüberUnd Aurora fand mich schlafen,

Ja, mich weckte kaum die Sonne.

Endlich ist es Sommer worden,

Und beim ersten MorgenschimmerReizt mich aus dem holden SchlummerDie geschäftig frühe Fliege.Unbarmherzig kehrt sie wieder,

Wenn auch oft der halb ErwachteUngeduldig sie verscheuchet,

Lockt die unverschämten Schwestern,Und von meinen AugenliedernMuß der holde Schlaf entweichen.Rüstig spring' ich von dem Lager,

Suche die geliebten Musen,

Finde sie im Buchenhaine,

Mich gefällig zu empfangen,

Und den leidigen JnsectenDank' ich manche goldne Stunde.

Seyd mir doch, ihr Unbequemen,

Von dem Dichter hochgepriesen,

Als die wahren Mnsageten.

Morgenklageil.

O du loses leidigliebes Mädchen,

Sag' mir an, womit hab' ich's verschuldet,Daß du mich auf diese Folter spannest,Daß du dein gegeben Wort gebrochen?